In der Seminarwoche des Europäischen Forums Alpbach leitet er, gemeinsam mit dem politischen und technischen Berater Zack Exley, von 16. bis 21. August das "Digital Democracy Lab". Die Teilnehmer sollen dort herausfinden, warum autoritäre und antidemokratische Bewegungen online weltweit florieren - und entsprechende Gegennarrative entwickeln.

Bislang im Hintergrund: Reddit, 4chan und 8chan

"Spätestens der US-Wahlkampf 2016 hat das Desinformations- und Destruktionspotenzial des Internets für jedermann sichtbar gemacht", sagt Davey. Vor allem aber zeigten die damaligen Skandale, vor allem "Pizzagate", dass Desinformationskampagnen der extremen Rechten keineswegs nur in etablierten sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter ihren Anfang nehmen müssen. Vom Keller einer Pizzeria in Washington D. C. aus sei ein Kinderpornoring aktiv, in dem auch der Wahlkampfmanager der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton aktiv sei, war beispielsweise auf den obskuren Plattformen reddit.com und 4chan zu lesen. Die Verschwörungstheorien gingen viral, fügten Clintons Kampagne enormen Schaden zu. Schlussendlich stürmte ein Schwerbewaffneter die Pizzeria und schoss um sich, wie durch ein Wunder kam dabei niemand zu Schaden.

"Desinformation, gefälschtes Material oder einfach nur gezielte Lügen gegenüber den Medienkonsumenten sind noch immer präsent. Wir am ISD nehmen aber eine deutliche Veränderung wahr", erklärt der Experte. Die extreme Rechte benutzt zusehends nicht nur gefälschtes Material, sondern wechselt immer öfter zur Strategie einer manipulativen Erzählung ("Narrative Manipulation"). "Es geht um einen richtigen Wettbewerb um die Erzählung", sowohl innerhalb der sozialen Medien im Internet wie auch in einem erweiterten Diskursraum, getragen vor allem von den klassischen Massenmedien, erklärt Davey. Dabei werden die User selbst zu Instrumenten der organisierten extremen Rechten. Brücken werden geschlagen. Die weit verbreitete Meinung, es gehe vor allem um eine gezielte Intervention aus dem russischen Raum - Stichwort russische Troll-Armeen und Putin-Propaganda -, sei nur eine Seite des Problems. Manipulative Erzählungen, das bedeutet, bei Propaganda-Kampagnen weitestgehend reale, korrekte Fakten zu verwenden, allerdings die Erzählung zu dominieren und den Kampf um die Deutung der Themen zu gewinnen.

Nicht nur der Kreml bemüht sich intensiv, diese von der extremen Rechten "Info-Wars" genannte Auseinandersetzung zu gewinnen - fast überall übernehmen verschiedene Player diese Strategie. Immer stärker fallen dabei den besagten Plattformen Reddit, 4chan oder 8chan eine zentrale Rolle zu.

Auch bei der zurückliegenden deutschen Bundestagswahl sei dies verstärkt zu bemerken gewesen, sagt Extremismusforscher Davey: "Wir beobachten auf den Plattformen schon eine fast militärisch organisierte Arbeitsteilung." Das Stichwort ist Hierarchie. Wer neu in eine solche geschlossene Chatgruppe stößt, bekommt verschiedene Aufgaben zugeteilt, etwa "produziere 20 rassistische Memes", oder "arbeite an einem bestimmten Thema, das du gerne im Netz lanciert sehen würdest, etabliere dazu einen bestimmten Hashtag (Begriff, der an Twitter- oder Facebook-Beiträge angefügt wird, um sie einer Diskussion zuzuordnen, Anm.)". "Diese Gruppen koordinieren sich dann und werden zur selben Zeit, koordiniert, aktiv. Sie beginnen gleichzeitig in verschiedenen Plattformen eine Diskussion", sagt Davey.