Avi Kravitz von Cybertrap erklärte, wie die ÖVP über mehrere Monate gehackt wurde. - © apa/Johannes Bruckenberger
Avi Kravitz von Cybertrap erklärte, wie die ÖVP über mehrere Monate gehackt wurde. - © apa/Johannes Bruckenberger

Wien. Die ÖVP ist im Wahlkampf mit einem Hackerangriff konfrontiert. Nachdem "Standard" und "Falter" interne Unterlagen über die Parteifinanzen zugespielt wurden, hat ÖVP-Obmann Sebastian Kurz am Donnerstag einen "Hackerangriff" auf die Server der Volkspartei beklagt. Laut Kurz wurden Daten nicht nur entwendet, sondern auch verfälscht. Den Verfassungsschutz hat die Partei informiert, die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Entdeckt wurde das Datenleck nach Angaben der ÖVP am Dienstag dieser Woche. Laut einem Zwischenbericht der Cyber-Security-Firmen SEC Consult und Cybertrap hat ein Angreifer über einen Webserver der ÖVP Zugriff auf das interne Computernetz erhalten. Mit einem "hochprivilegierten Benutzeraccount" seien dann zahlreiche Dateien abgezogen worden. "Das ist so, wie wenn ein Einbrecher mit einem Zentralschlüssel in die Wohnung kommt", erklärt der IT-Sicherheitsspezialist Josef Pichlmayr der "Wiener Zeitung".

Avi Kravitz von Cybertrap erklärte bei dem Hintergrundgespräch, dass die mutmaßlichen Angreifer über ihren "goldenen Schlüssel" theoretisch auch in der Lage gewesen wären, Daten zu manipulieren. Dass tatsächlich Daten manipuliert wurden, sagte der Cyber-Security-Experte allerdings nicht.

Dennoch geht Kurz davon aus. "Es gab einen sehr gezielten Hackerangriff auf die Server der Volkspartei mit dem Ziel, Daten zu entwenden, zu platzieren, zu manipulieren und zu verfälschen. Das ist nicht nur ein Angriff auf die Volkspartei, sondern auch ein Angriff auf das demokratische System", sagte der ÖVP-Chef.

Josef Pichlmayer von Ikarus Security Software bestätigte, dass es sich bei den von der ÖVP eingeschalteten Spezialisten um profunde Kenner ihres Faches handle. Es sei klar: "Da hat sich jemand mit sehr viel krimineller Energie Zutritt zum System verschafft."

ÖVP-Finanzen von
erheblichem Interesse

Die Suche nach dem Datenleck begann offenbar, nachdem dem "Standard" und der Wochenzeitung "Falter" interne Unterlagen über die Finanzen der ÖVP zugespielt worden waren. Daraus geht unter anderem hervor, dass die ÖVP auch 2018 und 2019 millionenschwere Spenden erhalten hat - und zwar derart gestückelt, dass die für Großspenden vorgesehene sofortige Meldung an den Rechnungshof umgangen wurde.

Außerdem zeigen die Unterlagen, dass die ÖVP 2017 schon Monate vor der Wahl wusste, dass die Wahlkampfkostengrenze massiv überschritten wird. Und heuer soll die Einhaltung der Sieben-Millionen-Euro-Grenze den Daten zufolge unter anderem dadurch gelingen, dass hohe Kosten knapp vor dem Stichtag für die Kostenbegrenzung verbucht wurden.

Die ÖVP behauptet, dass ein Teil dieser Unterlagen manipuliert wurde. Als Beispiel nannte sie 2017 gekaufte Kugelschreiber, die anders verbucht worden seien als in den veröffentlichten Unterlagen. Weitere Beispiele nannte man nicht. Und auch die veröffentlichte Kostenaufstellung für den Wahlkampf - 6,3 Millionen Euro innerhalb der Kostenbegrenzung und 2,6 Millionen Euro außerhalb - wurde von der Partei bisher weder bestätigt noch dementiert. Kurz betonte diesbezüglich nur, dass die Vorgangsweise der ÖVP rechtlich korrekt sei und man die gesetzliche Obergrenze einhalte. Eine Klage gegen den "Falter" wurde zwar angekündigt, liegt bisher aber nicht vor.

"Falter"-Redakteurin zum Medientermin nicht zugelassen

Für Aufregung sorgte am Donnerstag jedoch, dass eine "Falter"-Redakteurin zum Medientermin in der ÖVP-Zentrale nicht zugelassen wurde.

Die Causa weckt Erinnerungen an den Wahlkampf 2017. Damals wurden Interna aus der SPÖ an die Öffentlichkeit gespielt - unter anderem über die verdeckten Facebook-Gruppen des SPÖ-Wahlkampfberaters Tal Silberstein, aber auch über Konflikte in der Parteizentrale. Die SPÖ vermutete anfangs ebenfalls einen Hackerangriff. Später hatte sie einen ÖVP-nahen PR-Berater im Verdacht, die Unterlagen an die Medien gespielt zu haben.

Die FPÖ sprach von einem "Skandal". Die Grünen forderten Aufklärung. Regierungssprecher Alexander Winterstein bezeichnete die Berichte der ÖVP als "zutiefst besorgniserregend".