Nach Stetten kann man aus allen vier Himmelsrichtungen gelangen. Kommt man vom Süden, ist eine Baustelle bei einem großen Umspannwerk des Verbunds auszumachen. Vom Osten kommend, ist linker Hand eine neue Siedlung zu sehen, erst wenige Jahre alt. Wer aus nördlicher Richtung nach Stetten fährt, muss unweigerlich bei der Volksschule vorbei. Doch die meisten kommen aus dem Westen, denn dort ist die Abfahrt von der S1. An dieser Gemeindegrenze, im Westen, befindet sich seit einigen Jahren ein Gewerbegebiet mit klassischen, betrieblichen Flachdachbauten.

Es lässt sich schon sagen: Egal, woher man kommt, aus welcher Himmelsrichtung, es lässt sich die Veränderung sehen, die Stetten in den vergangenen Jahren erlebt hat. Und man sieht sie auch vom Himmelweg, der zwischen Weinreben auf einen kleinen Hügel führt. Von hier hat man alles im Blick, das Alte und das Neue, den Kirchturm und den Friedhof links, die neuen Betriebshallen des Winzerunternehmens Pfaffl rechts. Aber in gewisser Weise hat man von hier, am Himmelweg, auch einen guten Blick auf die gesamte Republik.

- © Tatjana Sternisa
© Tatjana Sternisa

Denn als Österreich vor zwei Jahren den Nationalrat wählte, hat diese kleine, nur knapp 1000 Wahlberechtigte fassende Gemeinde fast genau so abgestimmt wie das gesamte Land. Die Abweichung in Stetten betrug insgesamt nur 2,44 Prozentpunkte, so nahe am Bundesergebnis war keine andere Gemeinde dran. Selbst gut ausgewählte, repräsentative Umfragen haben bei 1000 Befragten eine höhere Schwankungsbreite. Zumindest aus einer Politik-Perspektive heraus betrachtet, verdichtet sich also in Stetten im Bezirk Korneuburg das ganze Land.

Thomas Seifert, seit fünf Jahren Bürgermeister von Stetten, muss etwas schmunzeln, als er die Wahlergebnisse betrachtet. Die Balken sind nahezu identisch. Warum wählt seine Gemeinde genau so wie Österreich? Ratlosigkeit. "Keine Ahnung. Das war Zufall", sagt er. Er ist nicht der Einzige im Ort, der überfragt ist. Und es ist tatsächlich ungewöhnlich. Österreich wählt doch sehr unterschiedlich. Es gibt die schwarzen, die roten, die blauen Hochburgen, die Summe ergibt dann das Bundesergebnis. Im benachbarten Bisamberg betrug die Abweichung vom Gesamtergebnis mehr als 29 Prozentpunkte. SPÖ und FPÖ erhielten dort viel weniger Stimmenanteile als im Bund, ÖVP und Neos deutlich mehr.

Durchmischtes Dorf

Andrea Wiedeck hat nach kurzem Nachdenken eine Idee. Sie ist Winzerin und führt mit ihrem Ehemann Johannes einen der sechs Heurigen in Stetten. "Das Dorf ist recht durchmischt", sagt sie. Genau das ist auch ein Teil der Veränderung. Die Gemeinde ist massiv gewachsen, es sind vor allem junge Familien zugezogen, vor allem aus dem nahen Wien. Und der Andrang ist nach wie vor groß: "Ich könnte fast täglich Baugrund verkaufen", sagt der Bürgermeister. Aber natürlich kann er nicht. Es gibt nicht genug.