Flotte Veränderung

Dass heute nicht nur die wahre, sondern auch die politische Landschaft in Österreich eine andere ist, ist wohl zu einem wesentlichen Teil auf diese schleichende Veränderung zurückzuführen. Sie sieht überall anders aus, in Stetten nicht wie in Wien, in Westösterreich nicht wie im Osten. Natürlich, die Gesellschaft ist nie stehengeblieben. Sie hat sich ständig weiterentwickelt, verändert. Doch Veränderung ist heute kein Synonym mehr für Fortschritt. Zumindest für viele Menschen nicht.

Franz Jatschka ist einer jener Stettner, der nie woanders gelebt hat. Er ist seit 1956 hier. Da wurde er geboren. Er war Weinhauer, Landwirt und auch Heurigenwirt. Und er war 17 Jahre lang in der Gemeindepolitik. Für eine Bürgerliste. "Ich bin der SPÖ zu rechts und der ÖVP zu links", sagt er. Er kann sich an ein ganz anderes Stetten erinnern: "Früher gab es zwei Gasthäuser, zwei Bäcker, zwei Schuhmacher und drei Kaufhäuser", erzählt er. Der Baugrund habe 20 Schilling pro Quadratmeter gekostet, und die Gemeinde hat ihn nur an Verheiratete vergeben. Einer der beiden musste Stettner sein. "Heute ist alles anders", sagt er, und: "Es ist schnell gegangen."

Rote Gemeinde wählte Türkis

Jatschka kann sich erinnern, dass es schon früher Wahlen gab, bei denen Stetten im Bundestrend lag. Es kann also nicht nur der Zuzug sein. Auch die Historie hat ihre Spuren hinterlassen. An der Volksschule, zugleich das Gemeindeamt, ist ein altes Fassadenbild zu sehen, das Hochspannungsleitungen zeigt. Das Umspannwerk hat einst vielen Menschen hier Arbeit geboten, heute ist praktisch alles automatisiert. Viele Stettner arbeiteten auch in der nahegelegenen Werft in Korneuburg, sagt Jatschka. Fast alle wählten sozialdemokratisch. In der Gemeinde tun es die Stettner nach wie vor, Seifert ist Gewerkschafter und gehört der SPÖ an. Auch sein Vorgänger war Sozialdemokrat. Nicht alles ändert sich also.

Doch insgesamt hat das Tempo der Veränderung natürlich stark zugenommen. Noch im Jahr 1999 war Stetten ein "verschlafener Ort", wie es Bürgermeister Seifert formuliert. Es gab weniger als 1000 Einwohner, das ist eine für Gemeinden wichtige Grenze. Kommunen mit vierstelligen Einwohnerzahlen erhalten mehr Bedarfszuweisungen. Die Gemeinde begann mit aktivem Wohnbau, eine Siedlung nahe der Kirche wurde errichtet. "Wir haben einen kleinen Boom geschaffen", sagt Seifert. Heute, nur 20 Jahre später, wohnen mehr als 1300 Menschen in Stetten. Das sind um rund 50 Prozent mehr als 1999. Umgelegt auf Wien würde dieses Wachstum bedeuten, dass in der Hauptstadt heute 2,4 Millionen leben müssten. Wien steht aber erst bei 1,8 Millionen Einwohner.