"Notwendig ist, dass wir uns die professionellen Pflegekräfte sichern können", betont Riedel. Vor allem gelte es, diese auf dem heimischen Arbeitsmarkt zu finden. Denn auch in den Herkunftsländern der Pflegekräfte im Ausland werde künftig vermehrt dieses Personal gebraucht. Bisher hat man sich in Österreich etwa bei der 24-Stunden-Betreuung, die allerdings nur von fünf Prozent der Betroffenen in Anspruch genommen wird, mit Pflegepersonal aus dem osteuropäischen Ausland beholfen. 80 Prozent der Pflegerinnen kommen aus der Slowakei und Rumänien.

Die demografische Entwicklung verschärft die Situation. Laut Prognose der Statistik Austria werden 2020 in Österreich fast 510.000 Menschen leben, die 80 Jahre oder älter sind. Bis 2024 werden 584.000 Menschen dieses Alter erreichen. Aufgrund der Alterung wird weiter mit stark steigenden Kosten gerechnet. Bisher betragen die Ausgaben der öffentlichen Hand rund fünf Milliarden Euro, davon entfallen zwei Milliarden Euro allein auf das Pflegegeld des Bundes. Das Wirtschaftsforschungsinstitut hat für Länder und Gemeinden bis 2050 einen Kostenanstieg auf neun Milliarden Euro prognostiziert - mit besonderer Dynamik ab 2025.

In Österreich haben rund 463.000 Menschen im Juli dieses Jahres Pflegegeld bezogen, das in sieben Stufen je nach Ausmaß des Pflegeaufwandes ausbezahlt wird. Tatsache ist, dass der weitaus größte Teil der pflegebedürftigen Menschen daheim betreut wird, nämlich gut 80 Prozent. Rund ein Drittel greift dabei auf die Unterstützung durch mobile Dienste zurück. Bei fast der Hälfte erfolgt die Betreuung allein durch Angehörige. Die Zahl der pflegenden Angehörigen wird mit 800.000 bis 950.000 Menschen beziffert. Ohne sie wäre die Pflege in Österreich gar nicht möglich.

Genau an diese Gruppe richtet sich der ÖVP-Plan, ab Pflegestufe drei einen Bonus von 1500 Euro im Jahr zuzahlen. Die meisten Bezieher von Pflegegeld gibt es freilich in den Stufen eins mit knapp 130.000 sowie in der Pflegestufe zwei mit rund 100.000 Betroffenen. Für diese wäre ein abgestufter Bonus mit 500 beziehungsweise 1000 Euro vorgesehen. Kritiker und politische Gegner werfen der ÖVP vor, damit werde erst recht den pflegenden Angehörigen die Hauptlast aufgebürdet. Es müssten vor allem die mobilen Dienste bundesweit zur Unterstützung ausgebaut werden.

Konflikt um Versicherung oder Steuerfinanzierung

Politischer Hauptkonfliktpunkt ist die Finanzierung. SPÖ, Grüne und Liste Jetzt treten dafür ein, Pflege aus Steuermitteln zu finanzieren. Die SPÖ will dafür eine Milliarde zusätzlich aus einer Steuer auf Erbschaften ab einer Million Euro lockermachen. Die FPÖ möchte Mittel aus dem Gesundheitsbereich zur Pflege umschichten.

Die ÖVP peilt eine Pflegeversicherung als eigene Säule in der Sozialversicherung an, wobei Mittel aus der Unfallversicherung umgeschichtet werden sollen, aber auch Geld aus dem Budget beigesteuert wird. IHS-Expertin Riedel sieht Vorteile einer steuerfinanzierten Variante: "Die Flexibilität ist größer für den Staat, wenn es nicht aus einer Quelle ist." Damit werde die gesamte Bevölkerung einbezogen. "Ich erkenne den großen Vorteil einer Versicherungslösung nicht", meint sie mit Hinweis auf das deutsche Modell. Im Sozialministerium wird zur Finanzierung im November eine noch von der türkis-blauen Regierung in Auftrag gegebene Studie erwartet, die auch Basis für die neue Regierung sein wird.