In Wien gingen mehr als 30.000 Menschen auf die Straße. - © apa/Punz
In Wien gingen mehr als 30.000 Menschen auf die Straße. - © apa/Punz

Mehrere Millionen Menschen weltweit sind am Freitag dem Aufruf von Fridays for Future gefolgt und haben im Rahmen des Earth Strike für mehr Klimaschutz demonstriert. Allein in Wien gingen mehr als 30.000 vorwiegend junge Menschen auf die Straßen. Im Interview spricht der Protestforscher Dieter Rucht über das Potenzial von Fridays for Future, aber auch über die großen Herausforderungen.

"Wiener Zeitung":Vor eineinhalb Jahren ist Greta Thunberg noch allein mit ihrem "Schul-Streik fürs Klima"-Schild vor dem Parlament in Stockholm gesessen. Heute mobilisieren die von ihr initiierten Fridays-for-Future-Proteste Millionen junge Menschen. Woher kommt diese unglaubliche Anziehungskraft dieser Bewegung?

Dieter Rucht: Das ist ein Bündel von Faktoren. Da ist diese ungewöhnliche Person Greta Thunberg mit ihre Mischung aus Kindlichkeit, aber auch Entschlossenheit. Dann ist da die Dringlichkeit der Klimafrage, die ja nicht nur vor den Aktivisten, sondern auch schon seit Jahrzehnten von Wissenschaftern hervorgehoben wird. Die Aktionen von Fridays for Future sind zudem von Freundlichkeit und Friedfertigkeit geprägt und verbleiben thematisch ganz im Feld des Klimaschutzes. Viele andere Bewegungen sind ja ausgeufert, indem immer mehr Themen ins Portfolio gepackt wurden. Und nicht zuletzt profitiert Fridays for Future von der Attraktivität, die von der Jugendlichkeit der Demonstrierenden ausgeht, und der Vorstellung, hier sind junge Leute mit hohen moralischen Ansprüchen zugange, die sich Sorgen um die Zukunft machen.

Dieter Rucht zählt zu den renommiertesten Protestforschern im deutschsprachigen Raum. Er war bis zu seiner Emeritierung Honorarprofessor am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin. ipb
Dieter Rucht zählt zu den renommiertesten Protestforschern im deutschsprachigen Raum. Er war bis zu seiner Emeritierung Honorarprofessor am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin. ipb

Jahrelang war von einer Jugend die Rede, die oft apolitisch ist und sich vor allem für das unmittelbar persönliche Lebensumfeld interessiert. Wie passt das mit Fridays for Future zusammen?

Die Wahrnehmung ist immer wieder zwischen einer politisierten Jugend oder einer unpolitisierten Jugend geschwankt. Beides war meiner Meinung nach eine mediale Übertreibung. Zwar hat es ausgelöst durch Konflikte und Demonstrationen Schwankungen gegeben, aber im Zeitverlauf sind das Engagement von Jugendlichen für Politik und das politische Interesse relativ stabil. Und es ist immer schon so gewesen - auch bei den Studentenrevolten in den 60ern -, dass nur eine Minderheit aktiv war. Das gilt auch heute. Selbst wenn bei Fridays for Future nun eindrucksvolle Zahlen registriert werden, dann ist gemessen an der gesamten Schülerschaft doch nur ein kleiner Teil mit dabei. Die Berufsschüler sind komplett abwesend, die Hauptschüler sind ebenfalls sehr schwach vertreten. Auch die Studierenden beteiligen sich nicht in großer Zahl.