Bei einer solchen Vakanz besteht nämlich immer die Gefahr, dass nicht steuerbare Dynamiken zu wirken beginnen, und dann kann auch schon einmal eine Parteiführung vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Auch die Wechsel von Faymann zu Kern und von Kern zu Rendi-Wagner folgten keiner strategischen Überlegung. Bei Faymanns plötzlichem Abschied musste alles schnell gehen, brachten die einen schon Christian Kern ins Spiel, während Michael Häupl gerne Gerhard Zeiler gehabt hätte, sich aber eben nicht mehr durchsetzen konnte. Kern übernahm die Partei, konnte aber erst danach sein Team aufbauen. Ein Unternehmen, das in dieser Art und Weise die Nachfolge des Vorstandschefs regelt, wird wohl kaum aus einer Krise finden. Bei Parteien ist es aber fast immer so.

"In Krisen können sich aber auch alte Organisationen neu aufstellen", sagt Gössler. Bei Parteien scheint das sehr schwer zu sein, bei anderen Organisationen, sogar mit ähnlichen Strukturen und inneren Dynamiken, gibt es aber Beispiele, wie es gehen kann. Denn auch große Sportverbände müssen heute ganz anderes funktionieren, als das vor Jahrzehnten der Fall war. Die Entscheidungsstrukturen von einst haben sich überlebt.

Bis vor wenigen Jahren hatte der Österreichische Fußballbund noch eine relativ amateurhafte Organisationsstruktur. Schon vor Jahrzehnten hatte sich freilich der ehemalige Trainer Max Merkel lustig gemacht, dass das Einzige, das beim ÖFB funktioniere, die Mittagspause sei. Aber mit diesem ÖFB hat der gegenwärtige Verband eben nichts mehr zu tun. Als einer der ersten Sportverbände in Österreich hat sich der ÖFB vor rund zehn Jahren strukturell erneuert. Da wesentliche Entscheidungen heute schnell, konzise und einem strategischen Plan folgend getroffen werden müssen, war klar, dass es nicht sehr erfolgsfördernd ist, wenn die operative Führung ständig zwischen ehrenamtlichen Landespräsidenten einen Konsens suchen muss.

Auch beim Fußball gilt natürlich: In guten Zeiten ist es immer leicht und hat die Führung die nötige Autorität, Entscheidungen zu treffen. Auch beim ÖFB mischte sich niemand ein, wenn es grad gut lief. Aber bekanntlich war das früher nicht so oft der Fall, und dann wurde es mühsam. Heute, nach der Reform und der Auflösung einiger Gremien, ist die Leitungskompetenz des Verbandes auch formal ein Hauptamt geworden, und das Präsidium entspricht mehr oder weniger einem Aufsichtsrat.

Können sich alte und über viele Jahre gewachsene Parteien auch erneuern? Matthias Strolz ist einer, der einmal versuchte, eine große Partei, die ÖVP, von innen heraus zu reformieren. Er war damit nicht erfolgreich. Später gründete er eine eigene Partei, die Neos, die am Sonntag, bei ihrer dritten Nationalratswahl zum dritten Mal gewachsen ist und über acht Prozent holen konnte. Strolz war jahrelang auch Unternehmensberater, seine Dissertation trägt den Titel: "Das Veränderungskonzept der Organisationsentwicklung in politischen Institutionen".

Parteien sind
keine Unternehmen

Strolz sagt: "Eine lineare Personalplanung ist in Parteien nicht möglich." Er nennt vor allem drei Merkmale, die politische Parteien von klassischen Unternehmen unterscheiden: "Ein wesentlicher Systemunterschied ist die Betriebslogik. Es geht nicht um Gewinnmaximierung, sondern um Machtgewinn, Machterhalt und Machtausübung. Jeder strebt danach." Ein zweiter wichtiger Punkt sei, dass nur alle paar Jahre das Produkt gehandelt wird, nämlich am Wahltag. "Das ist der Point of Sale für eine Partei", sagt Strolz.