Zwölf Stunden pro Tag, 60 Stunden pro Woche: So lange darf ein Arbeitnehmer eingesetzt werden, seitdem das neue Arbeitszeitgesetz im September 2018 in Kraft getreten ist. Davor waren es zehn respektive 50 Stunden. Die Normalarbeitszeit ist zwar bei acht Stunden täglich und 40 pro Woche (in einigen Branchen 38,5) geblieben, es gelten aber längere Höchstgrenzen der Arbeitszeit. Die so entstehenden Überstunden werden mit 50 Prozent Zuschlag ausgezahlt oder als Zeitausgleich konsumiert. Dass die Arbeitnehmer wählen können, ob sie länger arbeiten oder nicht, ist gesetzlich nicht verankert. Sie können zwar ablehnen - wer dies mehrfach tut, könnte allerdings ohne Angabe von Gründen gekündigt werden.

Das sei "problematisch", sagte dazu Erich Pospischil, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin (ÖGA), zur "Wiener Zeitung". Und zwar aus arbeitsmedizinischer Sicht. Denn längere Arbeitszeiten erhöhten das Unfallrisiko und machten krank, sagte er. Schon wer statt acht Stunden zwölf am Stück arbeite, habe ein um 80 Prozent höheres Risiko für Unfälle, ergänzte Vorstandsmitglied Robert Winker bei der Präsentation des neuen Leitfadens der ÖGA zur langen Arbeitszeit am Mittwoch.

Normalarbeitszeit
stetig gesunken

In den vergangenen Jahrzehnten sank die Normalarbeitszeit stetig: von der 48-Stunden-Woche, die es bis 1975 gab, über die 43-, dann 42- und schließlich 40-Stunden-Woche, bis 1985 für einige Branchen die 38,5-Stunden-Woche durchgesetzt wurde. Die Anzahl der Arbeitsunfälle folgte dieser Tendenz, so die Statistik Austria. Lag die Rate der Arbeitsunfälle auf 100.000 Unfallversicherte 1975 noch bei 6000, so betrug sie 2018 rund 2300.

Bei längeren Arbeitszeiten kämen zum höheren Unfallrisiko (vor allem durch Ermüdung) eine Abnahme der Arbeitsfreude, der Motivation und "Veränderungen des Funktionsgefüges der Persönlichkeit" hinzu, sagte Pospischil. Folgewirkungen anhaltenden Stresses seien ein höheres Risiko für Burnout, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle. Auch der Alkoholkonsum steige mitunter an.

"Flexible Arbeitszeiten bringen daher volkswirtschaftlich nichts", so Pospischil. Langfristig dürfte sich deren ökonomischer Vorteil sogar in einen Nachteil verwandeln. Physische und psychische Beanspruchungen wirkten leistungsmindernd. Neben der höheren Unfallgefahr verringere sich die Lebensarbeitszeit - was das Sozialsystem zusätzlich belaste. Um dem entgegenzuwirken, rät die ÖGA in ihrem neuen Leitfaden dazu, dass Arbeitspausen eingehalten werden und Arbeitnehmer mehr mitbestimmen dürfen, wie lange sie arbeiten. "Nur zu sagen, die längeren Arbeitszeiten sind ,freiwillig‘, ist zu wenig", sagte Pospischil. Im Gesetz fehlten Absätze zu den Rahmenbedingungen. Branchen, in denen Schichtarbeit Usus ist, wie Gastronomie und Tourismus, seien besonders von langen Arbeitszeiten und einem erhöhten Unfallrisiko betroffen.

Die Präsidentin der Arbeiterkammer, Renate Anderl, nahm die Präsentation des neuen ÖGA-Leitfadens zum Anlass, einmal mehr die leichtere Erreichbarkeit der sechsten Urlaubswoche sowie das Recht auf eine Vier-Tage-Woche zu fordern. Die Arbeitszeit müsse kürzer, planbarer und selbstbestimmter werden, sagte sie.

Laut Wirtschaftskammer (WKO) habe sich die tatsächliche Arbeitszeit seit Herbst 2018 aber ohnehin kaum verändert. Einer Market-Umfrage zufolge hätten nur fünf Prozent der Arbeitnehmer über längere Arbeitszeiten berichtet. Warum das so ist? "Es lohnt sich nicht. Die Arbeitnehmer werden nicht produktiver, und es fallen höhere Überstunden an", sagt Rolf Gleißner von der WKO. Der Prozentsatz der Unternehmen, die ihre Betriebsvereinbarungen zur Gleitzeit verändert haben oder verändern wollen, sei allerdings höher: Dieser liege bei 16 Prozent.