Routinemäßig folgte der Hinweis, dass sich der Bundespräsident über den Fortschritt der Gespräche berichten lassen wird. Mit den Worten "The floor is yours" überließ Van der Bellen das Mikrofon danach dem ÖVP-Chef. Dieser will nicht nur die politische Kultur nach dem schmutzigen Wahlkampf verbessern und eine stabile Regierung bilden. Aufhorchen ließ er jedoch vor allem mit der Aussage, dass er auch über die Zusammenarbeit im Parlament sprechen wolle. Es geht ihm dabei darum, "wie wir parteiübergreifend vielleicht in einzelnen Sachfragen gemeinsam Beschlüsse fassen können". Damit gab er Überlegungen Auftrieb, dass es bei einem Scheitern von Regierungsverhandlungen letztlich doch zu einer Minderheitsregierung kommen könnte. Diese könnte dann ähnlich dem freien Spiel der Kräfte nach dem Bruch der türkis-blauen Bundesregierung im Parlament Mehrheiten bei einzelnen Themen suchen oder in bestimmten Fragen gestützt werden. Der ÖVP-Chef hatte die Idee einer Minderheitsregierung schon im Wahlkampf fallen lassen.

Kurz nannte aber auch inhaltliche Prioritäten für eine künftige Regierungsarbeit. Dabei fiel auf, dass der ÖVP-Obmann im Gegensatz zu Bundespräsident Van der Bellen zwar den Klimawandel ebenfalls genannt hat, allerdings nicht mit oberster Priorität. Der ÖVP-Chef möchte dabei der ökosozialen Marktwirtschaft zum Durchbruch verhelfen. Diese Einstufung dämpft die Chancen auf eine künftige Koalition der beiden Wahlsieger ÖVP und Grüne, für die der Klimaschutz bei einer Regierungsbeteiligung absoluten Vorrang hat.

Die "größte Herausforderung", die sofort bewältigt werden muss, sieht Kurz hingegen in der abflauenden Konjunktur. Dies werde noch durch den amerikanisch-europäischen Handelsstreit und die ungelöste Frage des EU-Austritts von Großbritannien verschärft. Es sei notwendig, "alles zu tun, um gegen diesen drohenden Wirtschaftsabschwung vorzugehen".

Drei weitere von ihm angeführte Prioritäten sind Signal dafür, dass der ÖVP-Obmann mit 37,5 Prozent der Stimmen bei der Nationalratswahl im Rücken seinen Kurs fortsetzen möchte, wie er dies vor und nach der Wahl mehrfach angekündigt hat. So müsse man den "Weg der Steuerentlastung" weitergehen. Außerdem sei es notwendig, "unpopuläre Reformen" durchzuführen, um den den Wirtschaftstand Österreich und den Sozialstaat "zukunftsfit" zu machen. Einschnitte im Sozialbereich stoßen aber nicht nur bei der SPÖ, sondern auch bei den Grünen auf Widerstand.

Grüne wollen von ÖVP "Ruck von rechts in die Mitte"

Unmissverständlich war aber auch die Botschaft, die Kurz bei der Zuwanderungspolitik an mögliche Koalitionspartner aussandte: "Es wird notwendig sein, den sehr entschlossenen Kampf gegen illegale Migration in Österreich und Europa fortzusetzen." Gerade der strenge Asylkurs der türkis-blauen Regierung hatte besonders scharfe Kritik ausgelöst.

Im Gegenzug ist von grüner Seite nochmals bekräftigt worden, dass die ÖVP einen "Ruck von rechts in die Mitte" machen müsse, damit eine türkis-grüne Regierung möglich werde. Dies sei notwendig, um überhaupt sinnvolle Verhandlungen zu führen.

Vorerst gibt es allerdings nur ein Sondieren und Abtasten - und zwar in Vier-Augen-Gesprächen der Parteichefs im Finanzministerium in der Himmelpfortgasse in der Innenstadt. Nach dem Treffen von Kurz mit Pamela Rendi-Wagner am Dienstag um 11 Uhr ist um 15 Uhr FPÖ-Obmann Norbert Hofer an der Reihe, am Mittwoch um 11 Uhr dann Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger, um 17.30 Uhr schließlich Grünen-Chef Werner Kogler. Wie es dann weitergeht, ist offen.

Clemens Jabloner, Justizminister der derzeitigen Übergangsregierung, jedenfalls rechnet damit, dass die Regierungsbildung "schon einige Zeit dauern" werde. Allerdings glaubt er zumindest nicht, dass man auch im nächsten Jahr noch lange tätig sein werde.