Für die FPÖ sind turbulente Zeiten angebrochen. Knapp zehn Prozentpunkte verlor sie bei der Nationalratswahl, vergangene Woche suspendierte sie ihren langjährigen Ex-Parteichef Heinz-Christian Strache. Über die Zukunft der Freiheitlichen und mögliche Koalitionsvarianten sprach die "Wiener Zeitung" mit dem englischen Politikwissenschafter Kurt Richard Luther. Der Politologe beschäftigt sich seit Mitte der 1980er Jahre intensiv mit der österreichischen Innenpolitik.

"Wiener Zeitung":Herr Luther, in welchem Zustand befindet sich die FPÖ?

Kurt Richard Luther: Sie konnte dieses Mal ihre Wähler nicht mobilisieren: Wie zeigt sie dem kleinen Mann in Favoriten und Fünfhaus, dass sie für ihn da ist, wenn sie Strache einen Mietkostenzuschuss von 2500 Euro und ein monatliches Spesenkonto von 10.000 Euro gewährt? Natürlich ist sie jetzt also geschwächt, weitere interne Konflikte sind möglich. Man sollte sich aber davor hüten, sie für tot zu erklären.

Kurt Richard Luther ist Professor für vergleichende Politikwissenschaften an der englischen Keele University. privat
Kurt Richard Luther ist Professor für vergleichende Politikwissenschaften an der englischen Keele University. privat

Könnte sich die Partei erneut spalten?

Ich bezweifle das. Mit dem BZÖ spaltete sich eine ideologisch flexible Gruppe vom nationalen Kern der Partei ab. Eine solche Gruppe gibt es nun aber nicht. Außerdem hat ausgerechnet Strache die Gefahr einer solchen Spaltung minimiert.

Inwiefern?

Jörg Haider hat immer auch
außerhalb der Parteistrukturen agiert. Er war ein Draufgänger, er ist seinen eigenen Weg gegangen. Strache war als Parteichef hingegen viel eher geneigt, über interne Strukturen der Freiheitlichen zu arbeiten. Das hat geholfen, die Partei zu vereinen. Bei der Wahl hat sich trotz der Verluste auch gezeigt, dass die FPÖ mittlerweile eine erhebliche Stammwählerschaft hat.

Wann hat sich diese gebildet?

Früher musste die FPÖ bei jeder Wahl um ihre Stimmen kämpfen. Die Wähler sind mit Haider "ein Stück des Weges gegangen", haben der FPÖ ihre Stimme zunächst aber nur geliehen. Seit Mitte der 1990er werden sie loyaler, auch wenn es bei der NR-Wahl 2002 einen außerordentlichen Ausreißer gab (Die FPÖ lag bei zehn Prozent, ein Verlust von 17 Prozentpunkten, Anm.). Vergangene Wählerstromanalysen haben gezeigt, dass die Stammwählerschaft der FPÖ nun nicht mehr allzu viel kleiner als jene der SPÖ ist.

Wie wird es mit der FPÖ weitergehen? Bisher betont die Parteispitze, dass sie eher in Opposition gehen will.

Nach der Niederlage 2002 wollte die FPÖ-Spitze unbedingt wieder in die Regierung. Der Preis dafür war hoch: Schwarz-Blau II war praktisch eine ÖVP-Alleinregierung. Aus diesem Fehler hat die FPÖ gelernt. Herbert Kickl, der Parteistratege, ist ja nicht dumm. Daher zeigen sich die meisten Freiheitlichen vorerst distanziert und skeptisch. Sie müssen auch nicht zwingend in die Regierung: Die Oppositionsrolle könnte ihr dieses Mal durchaus helfen.