Problematisch sei hier allerdings die Frage nach dem Nachwuchs: Die größte Altersgruppe aller Ärzte liege im Moment bei 58 Jahren. "Die Kurve wandert weiter", sagte Steinhart, was eine Pensionierungswelle zur Folge habe. Laut OECD kommt Österreich mit 5,05 Ärzten auf 1000 Einwohner zwar auf die zweithöchste Ärztedichte Europas nach Griechenland, in diese Berechnungen seien jedoch die Ärzte in Ausbildung einberechnet, sagte Steinhart. Außerdem habe die durchschnittliche Arbeitszeit pro Kopf seit 2012 um etwa neun Prozent abgenommen, wodurch sich die Zahl auf 3,56 Vollzeitäquivalente pro 1000 Einwohner reduziere.

Einem jährlichen Bedarf von etwa 1450 Ärzten stünden zwar 1400 Absolventen für Humanmedizin gegenüber - etwa 40 Prozent von diesen bleiben laut Steinhart aber nicht in Österreich. Daher müsse man vor allem in ländlichen Regionen den Arztberuf attraktiver machen, "zum Beispiel durch Fördermodelle".

"Österreichs Problem
ist seine Fragmentierung"

All das kostet freilich Geld. Damit, mehr davon in den Gesundheitsbereich zu pumpen, ist es laut Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer allerdings nicht getan. "Österreichs Problem ist seine Fragmentierung", sagt er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Tatsache, dass zum Beispiel die Prävention in einen anderen Zuständigkeitsbereich fällt als die Kuration, und diese wieder in einen anderen als etwa die Pflege, führe - vor allem an den Schnittstellen - zu höheren Kosten.

Denn jedes dieser Subsysteme grenze sich von der Außenwelt ab, optimiere nur sich selbst, "aber nicht das Endprodukt: den Patienten", sagt Pichlbauer. Käme die Finanzierung aus einer Hand, wie es in fast allen anderen Ländern der Fall sei, würde das Gesundheitssystem ergebnisorientierter funktionieren.

In die Primärversorgungseinheiten (PVE), die laut Pichlbauer prinzipiell sinnvoll wären, trage man diesen Konflikt mit hinein. Auch hier sind Mischfinanzierungen von Ländern und Krankenkassen Usus.

Im Übrigen, so Pichlbauer zur Vergleichsstudie, sei die Schweiz mit Österreich nicht vergleichbar. Denn: Die Schweiz, in der es keine Pflichtversicherung, sondern eine Versicherungspflicht gibt, habe viel höhere Kapitalkosten. "Die fallen bei uns weg. Außer in der Privatversicherung haben wir ein null kapitalgedecktes System."

Für Eiko Meister, Vizepräsident und Obmann der Kurie Angestellte Ärzte der Ärztekammer Steiermark, wären PVE nur dann vernünftig, wenn man den Patienten mit diesen eine Struktur ähnlich jener in Spitalsambulanzen bieten würde. Also wenn neben Allgemeinmedizinern auch diverse Fachärzte wie HNO-Ärzte, Hautärzte oder Gynäkologen anwesend wären. Nur dann könnte man Patienten von den Spitälern in den niedergelassenen Bereich umleiten. Die Krankenkassen fürchteten jedoch eine Kostenexplosion, so Meister, daher arbeiten in PVE derzeit drei Allgemeinmediziner mit Angehörigen der Diplomierten Gesundheits- und Krankenpflege zusammen.

Ambulanzgebühren,
um die Patienten umzuleiten

Somit werde es schwierig, Patienten davon zu überzeugen, statt in die Ambulanz zu einem niedergelassenen Arzt zu gehen. "Muss man mehrere unterschiedliche Untersuchungen durchführen, ist das im niedergelassenen Bereich wahrscheinlich in einem Tag nicht möglich -in der Ambulanz hat man alles in sechs Stunden", so Meister. Um die Patienten dennoch umzuleiten, müsste man vermutlich Druck ausüben - in Form von Ambulanzgebühren, wie es sie zum Beispiel in Holland gibt.

An erster Stelle der Kostenersparnis steht laut Meister jedoch die Prävention. Die Anzahl der Diabetiker etwa sei in den vergangenen zehn Jahren um zehn Prozent gewachsen. Die Therapie sei aufwendig, die Medikamente seien teuer. Eine vernünftige Ernährung und Bewegung von Kindesalter an könnte dem vorbeugen. Im Kindergarten und in den Schulen merke Meister aber eher einen Rück- als Fortschritt, wie er sagt. "Wenn Turnstunden aus den Stundenplänen gestrichen werden, wird es schwierig, die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen zu reduzieren", sagt er.