Der Grüne Bundessprecher Werner Kogler sieht große "Erwartungen und Hoffnungen" von zivilgesellschaftlichen Initiativen aus dem ökologischen Bereich, von Arbeitnehmervertretern und Klimaschutzgemeinden, was die Gespräche mit der ÖVP über Koalitionsverhandlungen anbelangt. Er spricht von "Risiken, aber auch die Chancen", die es nun zu klären gilt. "Die Unterschiede sind enorm", sagt Kogler. Ein Sechserteam der Grünen soll nach "inhaltlichen Schnittmengen" mit der Volkspartei suchen. Wie diese aussehen sei genauso "völlig offen" wie der Ausgang der Sondierungsgespräche.

Die sechs Grünen, die das Gegenüber eines ebenso großen Teams der ÖVP sein werden, sind jedenfalls die Wiener Vizebürgermeisterin Birgit Hebein, die neuen grünen Nationalratsabgeordneten Leonore Gewessler und Alma Zadiæ, der oberösterreichische Landesrat Rudi Anschober sowie Josef Meichenitsch.

Grüner Idealismus trifft auf türkis-blaue Handschrift

Kogler hat sich Birgit Hebein, Wiener Vizebürgermeisterin, Stadträtin für Stadtentwicklung, Verkehr, Klimaschutz, Energieplanung und Bürgerbeteiligung, außerdem ehemalige Sozialarbeiterin nicht nur als "Vorsitzende einer großen Landesorganisation" und wegen ihrer Expertise im Sozialbereich ins Sondierungsteams geholt, sagt er. "Ich will damit endgültig den Spekulationen entgegenwirken, dass in den Grünen nicht alle von Westen bis Osten an einem Strang ziehen." Hebein ist aber auch eine Ansage in die Partei hinein, ÖVP-kritischere Stimmen in den Sondierungsprozess einzubinden. Ein grüner Insider hält das für vorteilhaft, da zwar die Gespräche dadurch möglicherweise schwieriger sind.

Zwar sind laut Kogler noch keine Duo-Gespräche vereinbart, Hebeins "Gegenüber" in sozialen Fragen ist ÖVP-Klubchef August Wöginger, der gemeinsam mit Sebastian Kurz für die Volkspartei sondiert. In der türkis-blauen Regierung war er derjenige, der das heftig kritisierte Sozialhilfe-Gesetz oder das Zusammenlegen Krankenkassen auch für die Volkspartei passend ausverhandelt hat. Kommt man aber trotz dieser so unterschiedlichen Personen zu einem Sondierungsergebnis, dürfte das dann aber belastbarer sein.

Praktische Expertise ergänzt politische Erfahrung

Neben Werner Kogler, der schon 2003 am schwarz-grünen Verhandlungstisch saß, gibt es einen zweiten, der in ÖVP-Verhandlungen Erfahrung hat: Rudi Anschober, aktuell in der schwarz-blau dominierten Landesproporzregierung von ÖVP-Landeshauptmann Thomas Stelzer. Er gilt als pragmatischer Realist. Anschober verhandelte nicht nur bereits mit der ÖVP – wenn auch vor allem auf Landesebene. Er bringt als Mitglied der oberösterreichischen Landesregierung, der er von 2003 bis 2012 zwölf Jahre lang angehörte, auch Erfahrung im Regieren mit.

Für die von ihm lancierte Initiative "Ausbildung statt Abschiebung", die Asylwerbern ermöglichen soll, eine begonnene Lehre abzuschließen, konnte er neben Prominenten auch viele ÖVP-nahe Unternehmer gewinnen. Für Kogler ist Anschober in Integrationsfragen wichtig, außerdem habe er Erfahrung "Wirtschaft und Umwelt auch mit sozialem Blickwinkel" zu sehen.

Anschober trifft in diesen Fragen übrigens insbesondere auf die ehemalige Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, die sich als eine der ersten in der ÖVP im Sommer für eine "pragmatische Lösung" für Asylwerber in einer Lehre mit negativem Bescheid aussprach – und damit die türkis-blauen Koalitionkurs in dieser Frage verließ.

Praktische Expertise, aber politische Leichtgewichte

Das war es aber auch schon mit der Erfahrung in politischen Verhandlungen auf grüner Seite. Denn: Die Politikwissenschaftlerin Leonore Gewessler, die mit Kogler als eine der 26 Abgeordneten in den Nationalrat einzieht, war zuletzt politische Geschäftsführerin der Umwelt- und Klimaschutz-NGO Global 2000. Sie steht nicht nur für Expertise in Sachen Klimaschutz: "Sie hat den Zugang zu den Ökoorganisationen, steht als Person für die Öffnung der Politik hin zur Zivilgesellschaft", sagt Kogler.  Politikinsidern gilt sie zudem als "ministrabel". Gewessler könnte also, sofern Sondierungen und Verhandlungen mit der ÖVP erfolgreich verlaufen, auch Teil einer schwarz-grünen Regierung sein.

Erfahrungen im politischen Für und Wider oder schwierigen Kompromissen hat sie allerdings nicht.

Alma Zadić, zuletzt für Jetzt im Nationalrat, künftig für wie Gewessler Abgeordnete der Grünen, hat sich Kogler wegen ihrer juristischen Expertise sie war vor der Politik bei einer international tätigen Wirtschaftskanzlei tätig ins Team geholt. Auch beim BVT-U-Ausschuss habe sie gezeigt, dass sie sich in Sicherheitsfragen und Inneren Angelegenheiten auskennt.

Bei Finanz- und Budgetfragen vertraut der Grünen-Sprecher wie schon in Zeiten des Hypo-Untersuchungsausschuss und im früheren Parlamentsklub auf Josef Meichenitsch. Expertise in finanziellen Dingen erarbeitete sich dieser auch in der grünen Delegation im europäischen Parlament, als "Financial Economist" in die Bankenregulierung der irischen Zentralbank in Dublin und als Koordinator europäische Bankenaufsicht in der Finanzmarktaufsicht.

Beide sind durchaus Experten in ihren Bereichen, politisch aber eher Leichtgewichte. Anders die drei engen Vertrauten von Kurz, Elisabeth Köstinger, vormals Landwirtschafts-, Umwelt- und Tourismusministerin, der frühere Kanzleramtsminister Gernot Blümel und Berater Stefan Steiner, auf die sie ab dem Freitag zu Sondieren treffen.

Suche nach großen Linien und ein "Klimakassasturz"

Den nächsten Sondierungstermin zwischen Grünen und ÖVP gibt es am Freitag Vormittag, Themenschwerpunkte seien noch keine festgelegt. Nun gelte es "große gemeinsame Linien" zu finden, herauszufinden, ob es Sinn macht, zu verhandeln, bremst Kogler die Erwartungen vor den Gesprächen. Was es neben einem klassischen Kassasturz brauche, sei ein "Klimakassasturz". Nachdem Greenpeace und das Ökobüro klagen wollen, damit die Regierung Klimaschutzsofortmaßnahmen umsetzt, gehe es den Grünen darum, "einen objektiven Stand der Dinge zu ergründen", sagt Kogler.

Sonst will der Grünen-Chef vor den Sondierungsgesprächen weder auf No-Gos noch Must-Haves wie etwa eine CO2-Steuer festlegen, sondern spricht von "Maßnahmenbündeln, die den CO2-Ausstoß reduzieren". Erst am Schluss werde man sehen, was das Ergebnis ist. Ist das eine türkis-grüne Koalition, stünde man dazu. Die Grünen hätten jedenfalls in Landesregierungen bereits bewiesen, "dass wir für die stabilere Mehrheit sorgen", sagte Kogler. Einen Seitenhieb erntete übrigens auch Norbert Hofer, der die Grünen in seiner Pressekonferenz als "Weltuntergangssekte" bezeichnet hatte: "Es haben schon einige
versucht, sich kabarettistisch zu betätigen. Das halte ich für keinen
Versuch in diesem Bereich."

Um schließlich dem Gegenüber in den Sondierungen, der ÖVP, noch launig etwas zur Ernsthaftigkeit der Gespräche auszurichten: "Wenn der Waldviertler Pendler wie das Carrera-Auto im Wahlkampf herumkreist, wird es knirschen. Wenn das Ziel aber ist, Klimaschutz im ländlichen und städtischen Raum unter einen Hut zu bringen und zum Beispiel Pendlerpauschalen sozial gerecht ausgestaltet werden, sind wir mit dabei."

Es ist eine Frage, der sich auch die SPÖ in ihren Treffen mit den sechs ÖVP-Verhandlern widmen könnte, sofern diese Sondierungen weiter neben jene mit den Grünen laufen. Ein Treffen ist jedenfalls für Donnerstag mit Pamela Rendi-Wagner und ihrem fünfköpfigen Team vereinbart. An der Seite der SPÖ-Chefin werden der Gewerkschafter Rainer Wimmer, die Zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures, Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser und der stellvertretende Klubchef Jörg Leichtfried verhandeln.