Bis zur Angelobung einer neuen Regierung könnte noch ein recht weiter Weg liegen. Vor Weihnachten rechnet eigentlich niemand mit einem Abschluss - damit läge die Regierungsbildung mit 82 Tagen im Mittel der letzten 30 Jahre. Aber selbst das wird angezweifelt. ÖVP-Obmann Sebastian Kurz will nach vorläufigem Abschluss der Sondierungen mit der SPÖ die Gespräche mit Grünen und Neos fortsetzen - "das wird länger dauern", hat er dafür den Zeitrahmen schon einmal weit ausgelegt.

Je länger die Verhandlungen dauern, je zäher die Gespräche sich erweisen, umso größer wähnt Kurz möglicherweise die Chance auf eine Alleinregierung der ÖVP - sprich, eine Minderheitsregierung. Das hat er ja schon einmal angedacht: "Wenn es gar keine Möglichkeit gibt, eine Koalition zu bilden, dann gäbe es allenfalls noch immer die Möglichkeit einer Minderheitsregierung - sollte eine andere Partei bereit sein, diese Minderheitsregierung im Parlament zu stützen."

Es geht um genau diesen Nachsatz, denn eine Minderheitsregierung kann es nur in zwei Fällen geben: Bei einem stillschweigenden Übereinkommen mit einer Partei oder einem Abkommen mit allen Parteien - und in jedem Fall braucht es noch die Zustimmung des Bundespräsidenten.

Wechselnde Mehrheiten

Betrachtet man allerdings die Voraussetzungen für ein solches Abkommen, stellt sich die Frage: Warum sollten Sozialdemokraten/die Grünen/Freiheitlichen dazu bereit sein? In einer perfekten Welt könnte Kurz die mit jeder Partei bereits in den Verhandlungen besprochenen Projekte als Pfand für die Unterstützung einer Minderheitsregierung anbieten und mit wechselnden Mehrheiten im Nationalrat zum Beschluss bringen.

Der Rahmen für ein derartiges Modell müsste eine Mehrheitsbeschaffung für ein Budget, am besten für ein Doppelbudget, sein. Eine Verständigung darauf ist Voraussetzung, um überhaupt ein solches Wagnis einzugehen. Während dieser zwei Jahre könnten diverse Projekte mit wechselseitigen Mehrheiten beschlossen werden. Aber: Warum sollten die Sozialdemokraten und die Grünen bei der Umsetzung eines türkis-blauen Projektes im Nationalrat stillhalten und warum sollte die FPÖ umgekehrt ein türkis-rotes oder türkis-grünes Vorhaben nicht torpedieren?

Aber auch eine Duldung durch nur eine der drei Parteien ist unwahrscheinlich. Denn auch hier gilt: Warum sollte die SPÖ den bisher äußerst ungeliebten Ex-Koalitionspartner unterstützen, ohne dafür nicht wenigstens Regierungsämter zu besetzen, was bei einer Koalition der Fall wäre?

FPÖ-Obmann Norbert Hofer hat die Duldung einer ÖVP-Regierung bereits ausgeschlossen. Die FPÖ wäre aber die Partei, mit der Kurz ein solches Abkommen noch am Ehesten eingehen könnte. Schließlich müsste Kurz nur den mit ihr ausgedealten Fahrplan weiterziehen und darauf hoffen, dass sich die FPÖ wieder konsolidiert und die Wiederbelebung von Türkis-Blau international nicht mehr so große Wellen erzeugt. Oder er hofft drittens darauf, dann eine Absolute zu erringen. Allerdings sind die beiden letzteren Varianten eher auszuschließen.