Die Ausbildung angehender Ärzte wurde 2015 geändert. Seitdem sei die Zufriedenheit laut der heurigen Ausbildungsevaluierung zwar gestiegen, sagte Harald Mayer, Vizepräsident der Ärztekammer am Mittwoch. Noch immer fehle den Ausbildenden aber vor allem die Zeit, um eine höhere Qualität zu gewährleisten.

Auch aufgrund der überbordenden Bürokratie und zu absolvierender Tätigkeiten wie Blutabnehmen, die eigentlich anderes medizinisches Personal übernehmen könnte, sei "die Ressource Arzt nicht gut genutzt". Dass in den nächsten zehn Jahren mehr als 14.500 Ärzte in Pension gehen werden, verschärfe die Personalfrage zusätzlich. Die Forderung von Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP), die Anzahl der Medizin-Studienplätze österreichweit zu verdoppeln, lehnte Mayer ab.

450.000 Euro pro Student

Derzeit gibt es 1680 Studienplätze an den Medizin-Unis in Wien, Graz und Innsbruck sowie der Medizin-Fakultät der Uni Linz. "Das alleinige Verdoppeln würde nichts bringen", sagte dazu Mayer. Vielmehr müssten gleichzeitig die Ausbildungsbedingungen verbessert werden. Eine Verdoppelung würde rund 750 Millionen Euro kosten, pro Student zahle die öffentliche Hand rund 450.000 Euro. Die Schweiz und Deutschland "würden es uns danken", ergänzte der Obmann der Turnusärzte, Karlheinz Kornhäusl: Denn einem jährlichen Bedarf von etwa 1450 Ärzten stehen zwar 1400 Absolventen gegenüber - etwa 40 Prozent werden aber nicht in Österreich tätig.

Die gravierendste Strukturschwäche in der Ausbildung sei, sagte Studienautor Alois Alkin, dass im Zuge der Evaluierung rund 59 Prozent der Befragten sagten, dass es für die Ausbildung der Allgemeinmediziner an der Abteilung kein Ausbildungskonzept gab, das zur Anwendung kam. Bei der fachärztlichen sowie der Basisausbildung verhalte es sich ähnlich. Das resultiere ebenfalls aus dem Manko an Zeit. Auch die Regelung der Anordnungsbefugnis an das Pflegepersonal wird nicht immer eingehalten - konkret in nur rund 77 Prozent der Fälle.

Genau hier wurzelt laut Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien das Problem. "Ärzte machen Tätigkeiten des Pflegepersonals, weil der Mangel beim Pflegepersonal noch um einiges größer ist", sagt er zur "Wiener Zeitung". Das sei fatal, steigt doch seit 2004 der Anteil der über 65-Jährigen stärker als jener der unter 65-Jährigen an. Der Plan, in den Primärversorgungseinheiten (PVE) im niedergelassenen Bereich, die die Spitäler entlasten sollen, neben Medizinern auch mehr Pflegekräfte einzusetzen, lasse den Bedarf an diesen noch weiter steigen.

Risiken der Selbständigkeit

Der Schlüssel zur Verbesserung liege somit sowohl in den Spitälern als auch Praxen. In englischsprachigen Ländern gebe es einen "Physician Assistant", also einen Assistent des Arztes, der unter anderem die Abrechnungen erledigt. Die Grundidee der PVE sei aber zu begrüßen, so Czypionka, weil mit diesen für frisch ausgebildete Ärzte die Möglichkeit einer Anstellung geschaffen wurde und diese nicht gleich die Risiken der Selbständigkeit auf sich nehmen müssen.

Um die hier ausgebildeten Ärzte im Land zu halten, müsste man der Allgemeinmedizin insgesamt einen höheren Stellenwert verleihen: Viele Absolventen gehen laut Czypionka etwa in die Schweiz, weil es dort eine universitäre Verankerung der Allgemeinmedizin gibt. Im Unterschied zu Österreich: Hier würden Allgemeinmediziner grundsätzlich weniger wertgeschätzt als Fachärzte, so Czypionka, was sich auch im Gehalt widerspiegle.