Es gibt in der Politik Dynamiken, die unumkehrbar zu sein scheinen, die plötzlich und so rasch eine Größe annehmen, dass sie sich kaum mehr einfangen lassen und letztlich ihren Tribut fordern. Eine solche Dynamik entfaltete sich in der SPÖ, als die "Wiener Zeitung" am späten Donnerstagnachmittag darüber berichtete, dass zahlreiche Mitarbeiter der Belegschaft in der SPÖ-Parteizentrale in der Wiener Löwelstraße per Mail von ihrer baldigen Kündigung erfuhren. Mit dem Zusatz: "Bitte verstehe dieses Schreiben nicht als Kündigung, sondern als schlichte Information." Es war die Spitze einer roten Frustration, die sich wohl über Jahre aufgestaut und nicht nur mit Pamela Rendi-Wagner zu tun hat.

Die Meldung über die Kündigungen verbreitete sich in den sozialen Netzwerken wie ein Lauffeuer - auch und vor allem durch rote Funktionäre, die zum Teil völlig losgelöst den Rücktritt der bereits seit Monaten angeschlagenen Rendi-Wagner und ihres Bundesgeschäftsführers Christian Deutsch forderten.

Das Ende der roten Frontfrau wurde wahrscheinlich auch deshalb noch am selben Abend kolportiert. Doch Rendi-Wagner macht weiter - vorerst. Es drängt sich auch kein Nachfolger auf, Parteigranden versuchen zu beruhigen. Aber der (digitale) Herdentrieb - auch der eigenen Basis - sorgt dafür, dass Rendi-Wagners mögliches Ende an der SPÖ-Spitze so nah wie nie zu sein scheint und kein Zeitungscover und kein Interview ohne die Frage auskommt: Wie lange noch? Eine ungemütliche Situation für die ehemalige Ministerin.

"Unser größter Gegner sitzt
in den eigenen Reihen"

Rendi-Wagner hat in ihrer mehr als einjährigen Zeit als Parteichefin zweifellos einige Fehler gemacht. Aber sie ist auch ein Opfer der innerparteilichen Umstände.

Die Zukunft der SPÖ wird für gewöhnlich nach Wahlniederlagen diskutiert, von denen es in der jüngeren Vergangenheit der Partei einige gegeben hat. Auf die Frage nach ihrer Ausrichtung findet die Sozialdemokratie europaweit nicht wirklich eine Antwort. Im Fall der SPÖ kommt ein jahrelanger Streit zwischen zwei verfeindeten Wiener Clans in der Partei hinzu, der auf die gesamte Partei destruktiv wirkt. Symbolhaft an ihren Spitzen stehen zwei Politiker, die gar nicht mehr aktiv sind: Ex-Kanzler Werner Faymann und der ehemalige Wiener Bürgermeister Michael Häupl. Rendi-Wagner konnte diesen Streit nicht befrieden. Daran scheiterte auch ihr Vorgänger Christian Kern.

Ein Schicksalsmoment waren die Pfiffe gegen Faymann beim Maiaufmarsch 2016. Kurz darauf trat Faymann zurück. Kern folgte ihm nach. Für einige Genossen war jener 1. Mai ein unwürdiges Schauspiel. Einer, der das genauso empfand, ist Christian Deutsch, heute Bundesgeschäftsführer.