Was halten junge Menschen mit Migrationshintergrund von Demokratie und Gleichberechtigung? Was sind die Gründe für eine ablehnende Haltung? Mit diesen Fragen beschäftigt sich ein neuer Forschungsbericht des Österreichischen Integrationsfonds. Befragt wurden 707 Personen zwischen 14 und 24 Jahren - darunter Menschen mit afghanischem, syrischem, tschetschenischem, kurdischem, türkischem und bosnischem sowie Menschen ohne Migrationshintergrund.

Durchgeführt wurde die Befragung von den Forschungsinstituten Sora und think.difference unter Leitung von Kenan Güngör. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem Integrationsexperten über die Ergebnisse.

"Wiener Zeitung": Herr Güngör, deuten die Ergebnisse in eine positive oder negative Richtung?

Kenan Güngör: Sie zeigen in beide Richtungen. Positiv ist: Abwertende Einstellungen haben, im Vergleich zu einer früheren Befragung, abgenommen. Die Zustimmung zur Demokratie und das Zugehörigkeitsgefühl zu Österreich ist hoch.

Wo geht es in die falsche Richtung?

Kenan Güngör ist Soziologe und Experte für Integrationsfragen. Er leitet das Forschungsinstitut think.difference. Magdalena Possert
Kenan Güngör ist Soziologe und Experte für Integrationsfragen. Er leitet das Forschungsinstitut think.difference. Magdalena Possert

Bei Befragten mit muslimischer Prägung ist Antisemitismus, Frauenhass und Homophobie deutlich stärker vertreten als bei Österreichern ohne Migrationshintergrund. Bei den Afghanen gibt es außerdem eine deutlich höhere Ablehnung der Demokratie als bei anderen Gruppen.

Was sind die Gründe dafür?

Wir reden meist nur über die Herkunft und Religion der Menschen: Doch die Ethnie oder die Religion allein erklärt nichts. Sie sind erst aussagefähig, wenn sie mit anderen Faktoren verknüpft werden. Mehr als 40 Prozent der afghanischen Befragten haben Gewalt in ihrer Familie erlebt. Sie sind oft in einer prekären Lebenslage und machen Diskriminierungserfahrungen. Außerdem sind sie oft in homogenen Freundeskreisen unterwegs: Wenn ich immer nur unter Meinesgleichen bin, lerne ich wenig von anderen Zugängen und Ansichten.

Welche Rolle spielt das Herkunftsland?

Es spielt eine wichtige, indirekte Rolle. Demokratie hat man nicht in der Muttermilch, sie muss erlernt werden. Wenn Menschen nun aus autoritären Ländern kommen, in einer prekären Situation leben und erst kurz hier sind, darf es nicht verwundern, wenn sie die Demokratie noch nicht akzeptieren. Je länger die Menschen aber hier leben, desto eher nimmt die Akzeptanz zu: Bei den Afghanen zeigt sich bereits eine ambivalente und differenzierte Situation.