Wer seit Jahren nach den besten Beispielen für politische Innovation sucht, bekommt einen guten Einblick über Entwicklungen. "Beispiele, in denen es mehr Partizipation gibt, erhalten eine höhere Bewertung, und sie sind auch erfolgreicher. Es gibt also einen klaren Trend zu mehr Partizipation", sagt Strasser.

Für die Politik ist das auch eine Herausforderung. Sie ist es gewöhnt, Entscheidungen zu treffen. Politikerinnen und Politiker werden dafür auch gewählt. Sie sollen ja Reformen umsetzen und Maßnahmen beschließen. Und die klassische Top-Down-Entscheidungsstruktur hat auch nicht zu unterschätzende Vorteile. Sie ist einfacher, schneller und deshalb auch günstiger. Doch es ist offensichtlich, dass mittlerweile dabei Akzeptanzprobleme auftauchen. Die Bevölkerung fühlt sich dann "nicht informiert." Oder es heißt, die Politik "fährt über unsere Interessen drüber". Und dabei ist es egal, auf welcher Ebene diese Entscheidungen getroffen werden, ob in einer Gemeinde oder vom Europäischen Parlament. (Wobei die Politik auf lokaler Ebene noch vergleichsweise hohe Vertrauenswerte genießt.)

Dennoch ist es wenig sinnvoll, dieser Entscheidungsstruktur ihre demokratiepolitische Tauglichkeit grundsätzlich zu verwehren. Und es wäre wohl auch ahistorisch. Über viele Jahrzehnte hat die repräsentative Demokratie in ihrer ursprünglichen verfassungsrechtlichen Ausgestaltung hohe Akzeptanz genossen. Und es hat unter anderem auch dazu geführt, dass in Österreich eine geradezu unglaubliche Infrastruktur geschaffen wurde. Riesige Kraftwerke wurden errichtet, Autobahnen, Tunnel und das fast schon absurde Projekt einer 390 Hektar großen Insel mitten in einer Großstadt - die Donauinsel. Und das alles ohne größeren Widerstand der Bevölkerung.

Das System, alle paar Jahre die Parlamente auf den unterschiedlichen Ebenen zu wählen, danach aber die Entscheidungen der Politik (weitgehend) zu akzeptieren, hat lange recht reibungslos funktioniert. Besonders gut wird diese Entwicklung durch den Bau der großen Donaukraftwerke illustriert. Ab den 1950er Jahren wurde ein Kraftwerk nach dem anderen errichtet, um den wachsenden Strombedarf zu decken. Die Projekte waren nicht umstritten. Bis Hainburg. Es steht bis heute für eine politische Zäsur in der Zweiten Republik. Es ist undenkbar geworden, derartige Projekte ohne Einbindung der Bevölkerung zu realisieren. Vor dem letzten Kraftwerk an der Donau in der Freudenau sicherte sich die Politik bereits die Unterstützung der Bevölkerung per Volksbefragung.

Die emanzipierte Gesellschaft

Wie die Politik ihre Entscheidungen am besten treffen sollte, muss immer in einem gesellschaftlichen Zusammenhang gesehen werden. Es gibt kein absolut bestes System. Aber es gibt offenbar mehr und weniger akzeptierte Modelle. Als Rahmen dafür dient die wachsende Emanzipation der Gesellschaft gegenüber der Obrigkeit und den Autoritäten, also auch der Politik. "Die Hörigkeit der Bevölkerung den Parteien oder auch der Kirche gegenüber ist geringer geworden", sagt die Politologin Tamara Ehs. Sie forscht an der Uni Wien zu partizipativer Demokratie. "Die Verfassung hat sich langsam diesen Trends öffnen müssen."