Spätestens seit den 2000er-Jahren steht die Sicherung, Erhaltung wie auch die genaue Erforschung der Stätten nationalsozialistischer Vernichtung in Österreich im Fokus. Während in Mauthausen längst ein umfassendes und modernes Konzept für die dortige Gedenkstätte realisiert wurde, gibt es andernorts viel aufzuholen. Im westlichen Teil des Lagerkomplexes Mauthausen-Gusen, unter anderem auf dem Gebiet der Gemeinde Gusen, bestand während der NS-Zeit ein weitläufiger Lagerteil, in dem mindestens 71.000 Menschen inhaftiert waren. Die Hälfte von ihnen fanden in den Gusener Lagern, die zu den schlimmsten und gefürchtetsten KZs zählten, den Tod. Nicht jedoch die Republik Österreich, sondern Überlebende errichteten 1965 ein Memorial rund um das erhaltene Krematorium in Gusen, erst 2004 kam ein Besucherzentrum der Republik dazu.

Wesentliche Teile des ehemaligen Lagergeländes sind zwar in ihrer Originalsubstanz erhalten, jedoch in Privatbesitz - eine Diskussion über den Ankauf und die Weiterentwicklung der Gedenkstätte Gusen schwelt schon lange. Nun kommt durch den polnischen Premier Mateusz Morawiecki Bewegung in die Debatte: Polen wolle die Überreste ankaufen, sagte Morawiecki anlässlich des Besuchs der deutschen Kanzlerin Angela Merkel im ehemaligen KZ Auschwitz. Dass die Eigentümer der Liegenschaften, die seit einigen Jahren auch unter Denkmalschutz stehen, Verkaufsbereitschaft signalisieren, erhöht nun den Druck auf den Bund erheblich. Doch dieser zögert, während das Mauthausen Memorial, dessen wissenschaftlicher Beirat und auch die betroffenen Gemeinden vor Ort sich dezidiert für einen Ankauf aussprechen.

Konkret geht es um das "Jourhaus", das markante Eingangsgebäude ins ehemalige Lagergelände, um zwei gemauerte Häftlingsunterkünfte, SS-Baracken sowie den Appellplatz und den Schotterbrecher, also um ein weitläufiges Areal. Die Liegenschaften befinden sich im Besitz der Firma Poschacher sowie eines weiteren, privaten Eigentümers. Bereits seit der Jahreswende 2018/19 liegt eine vom Innenministerium in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) vor, neben dem Mauthausen Memorial wurde auch die betroffene Gemeinde, die sich zu einer geschichtspolitischen "Bewusstseinsregion" erklärt hat, eingebunden. Sie beinhaltete nicht nur eine Schätzung des Ankaufspreises, sondern auch Pläne zur Weiterentwicklung der Gedenkstätte.

Politisches Interesse der polnischen PiS-Regierung

Für den Historiker Bertrand Perz ein möglicher Grund, wieso der Bund mit einer Entscheidung zögert. Aus seiner Sicht müsse die Republik die Liegenschaften ohnehin ankaufen, "da führt kein Weg vorbei", sagt Perz. Sich von möglichen weiteren Kosten bei der Weiterentwicklung der Gedenkstätte abschrecken zu lassen und die Gelegenheit verstreichen zu lassen, hält er für ein fatales Signal. "Ob man das Konzept der Weiterentwicklung der Gedenkstätte dann schnell oder langsamer entwickelt, ist eine andere Frage."