Man wartete auf den FPÖ-Historikerbericht, aber er kommt nicht. Und kommt nicht. Am Montag aber, am Tag vor Heilig Abend, war es nun tatsächlich so weit. Die Freiheitlichen präsentierten in einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz die lang erwarteten 670 Seiten, bisher war nur eine redaktionelle Kurzzusammenfassung veröffentlicht worden. Dabei hatten sich aber auch einige Autoren von der Interpretation der FPÖ distanziert.

FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker sprach von einem "Weihnachtsgeschenk", damit politische Gegner über Weihnachten etwas zu lesen hätten. Die FPÖ nutzte den Auftritt für eine Abrechnung mit den Journalisten sowie mit der "Gegenöffentlichkeit", wie es Hafenecker formulierte.

Man habe den Historikerbericht einer breiten Öffentlichkeit mit einer Podiumsveranstaltung zugänglich machen wollen, so Hafenecker. Zunächst habe man diesbezüglich auch "vorsichtige Zusagen" bekommen, "aber plötzlich ist niemand mehr bereit gewesen, mit uns zu diskutieren". Es habe Absagen gehagelt, so Hafenecker. Darunter war auch der Historiker Oliver Rathkolb, der am Zwischenbericht bereits Kritik geäußert hatte.

"Für Schaukampf stehe ich nicht zur Verfügung"

Der Zeithistoriker, der an der Uni Wien forscht, begründete gegenüber der "Wiener Zeitung" seine Absage, dass nur eine Diskussion mit Andreas Mölzer vorgesehen gewesen wär, dem Koordinator der Historikerkommission. "Für einen solchen Schaukampf stehe ich nicht zur Verfügung", sagt Rathkolb. Erst müsse er den Bericht lesen, danach könne man "weiterreden", und zwar auf wissenschaftlicher Ebene.

Andreas Mölzer, der Koordinator der Historikerkommission, wies Vorwürfe der Unwissenschaftlichkeit mit dem Argument zurück, dass sechs habilitierte Professoren mitgearbeitet hätten. Auch gehe der Vorwurf der Parteinähe ins Leere, denn es hätten auch Wissenschafter aus anderen, nicht der FPÖ nahestehenden politischen Lagern mitgearbeitet.

Um die Objektivität des Berichts zu rechtfertigen, werden von der FPÖ unter anderem zwei Autoren genannt. Kurt Scholz, der ehemalige SPÖ-Stadtschulrat, und Michael Wladika, der bereits in einer Studie die NS-Vergangenheit der ÖVP aufgearbeitet hat. Beide distanzierten sich im Sommer bei der Veröffentlichung von dem Rohbericht und beschwerten sich, dass ihre Beiträge gekürzt dargestellt wurden. Zudem machte Wladika am 12. August im "Standard" publik, dass er vom "Generalsekretariat der ÖVP beziehungsweise vom Nationalratspräsidenten Wolfgang Sobotka an die Historikerkommission der FPÖ weitergereicht" wurde. Diese Empfehlung könnte darauf hindeuten, dass auch die ÖVP damals ein Interesse daran hatte, dass die Kommission zu keiner Belastung für Türkis-Blau wird.

Archive zu Burschenschaften blieben verschlossen

Der Bericht wirkt thematisch wenig schlüssig. Einen allgemeinen Beitrag über die Burschenschaften gibt es zwar. Die Archive der Verbindungen, die personell in der FPÖ tief verankert sind, konnten die Freiheitlichen laut eigenen Aussagen aus Datenschutzgründen aber nicht öffnen. Mit Norbert Nemeth schrieb allerdings ein FPÖ-Politiker und Mitglied der laut Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) rechtsextremen Olympia an der Zusammenfassung des Historikerberichts mit. Das ist bemerkenswert, da die NS-Liederbuchaffäre um die Burschenschaft des niederösterreichischen FPÖ-Politikers Udo Landbauer Anlass für die Aufarbeitung war. Stattdessen wurden Berichte zur Südtirol- und Wehrpolitik der FPÖ sowie über das "dritte Lager" aus Sicht der Sowjetunion verfasst, die nicht zur Debatte standen.

Seit dem Sommer sind zwei Beiträge von israelischen Historikern hinzugekommen. Die beiden israelischen Wissenschafter beschränkten sich auf die jüngere FPÖ-Geschichte.

Sie kommen zum Schluss, dass es keine Verbindung der FPÖ zu NS-Gedankengut gibt. Mordechai Kedar von der Bar-Ilan University verteidigt die FPÖ auch in Sachen Xenophobie. Die FPÖ richte ihre Kritik an Migranten vor allem an Muslime. Diese übten ihren Glauben zwar nicht alle gleich aus und man dürfe nicht verallgemeinern, aber "es ist statistisch bewiesen, dass antijüdische Gefühle extrem verbreitet sind unter Muslimen", schreibt Kedar.

Richtig umstritten ist der zweite israelische Wissenschafter Raphael Israeli. Dieser hatte vor zwei Jahren mit dem Vorschlag für Aufsehen gesorgt, arabische Israeli in Lagern zu inhaftieren, da sie nicht in die Gesellschaft integrierbar seien. (sir/jm)