Fast 200.000 Kinder leben in einem Haushalt, in dem es sich die Eltern nicht leisten können, eine defekte Waschmaschine reparieren zu lassen oder einen kaputten Kühlschrank zu ersetzen. Für rund 58.000 Kinder können ihre Eltern keine neue Kleidung kaufen, wenn die alte abgenutzt ist. Und bei 41.000 reicht das Geld nicht aus, um jeden zweiten Tag Fisch, Fleisch oder eine vergleichbare vegetarische Speise auf den Teller zu bringen. So sieht das Leben von Kindern, die in einen von Armut betroffenen Haushalt in Österreich hineingeboren worden sind, laut EU-Silc-Erhebung aus.

Armut ist vererbbar. Nach OECD-Studien weist Österreich im internationalen Vergleich zwar eine relativ niedrige Einkommensungleichheit auf. Aufsteigen aus einem sozial benachteiligten Haushalt ist aber kaum möglich. Da heißt es, der "Platz in der Einkommensverteilung bleibt über Generationen hinweg tendenziell bestehen".

Sozialminister Rudolf Anschober sagte im Interview mit der "Wiener Zeitung": "Ich halte es für einen wirklichen Skandal, dass wir mehr als 55.000 Kinder in diesem Land haben, die teilweise keinen Anspruch auf die Lebensgrundlagen haben." Es sei "Top-1-Priorität, da etwas zu tun". Es ist eine Priorisierung, die sich in Ansätzen auch im türkis-grünen Regierungsprogramm wiederfindet - und um weitere Maßnahmen, insbesondere im Bildungsbereich ergänzt werden könnte.

Bildung beeinflusst Armut, der Status ist ebenfalls vererbbar

Bildung ist ein wesentlicher Faktor, der Armut beeinflusst. Verfügt eine Person nur über einen Pflichtschulabschluss, beträgt das Risiko der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung laut EU-Silc 27 Prozent. Und: Bildung ist ebenfalls vererbbar. Kinder von Eltern mit einem Pflichtschulabschluss erreichen zu 32,6 Prozent wieder nur einen solchen als höchsten Abschluss, nur 6,9 Prozent dieser Kinder schließen eine Uni ab. Anders bei Kindern von Eltern mit akademischer Ausbildung: Hier bleibt es nur bei 3,6 Prozent bei der Pflichtschule, bei 57,3 Prozent ist es wieder ein Uni-Abschluss.

Mit Bildung schon vor der Geburt ansetzen

Bildung ist für Martin Schenk, Sprecher der Armutskonferenz, einem Netzwerk aus NGOs und Wissenschafterinnen, folglich auch eine der wesentlichsten Maßnahmen, um den Teufelskreislauf der Vererbung von Armut zu durchbrechen. Er sagt sogar: "Die Präventionskette gegen Kinderarmut beginnt schon vor der Geburt" - also bei der werdenden Mutter. Denn: Eva Six, Ungleichheitsforscherin an der WU Wien, weist in einer Studie vom Sommer 2019 nach, dass Kinder aus sozial schwächeren Haushalten mit weniger Gewicht geboren werden - das beeinträchtigt wiederum die Lernerfolge: Konkret heißt es da, ein geringeres Geburtsgewicht habe negative Folgen "auf die kognitive Entwicklung, die Bildungserfolge, das Einkommen und die Gesundheit einer Person".