In dem Buch "Im kranken Haus – Ärzte behandeln das Gesundheitssystem" (Ueberreuter) legen renommierte Ärzte Rezepte gegen die Ökonomisierung und Industrialisierung der Medizin vor.

"In Österreichs Gesundheitssystem herrschen verstörende Zustände. Die ganze Tragweite wird erst in der Gesamtschau klar. Deshalb stellen sich renommierte Mediziner und Gesundheitsexperten aus der täglichen Praxis den Ursachen und Wirkungen verfehlter Gesundheitspolitik entgegen", ließen Rudolf Likar (Vorstand Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin am LKH Klagenfurt), Herbert Janig (Klinischer und Gesundheitspsychologe FH Kärnten und ehemals Universität Klagenfurt), Georg Pinter (Vorstand Altersmedizin am Klinikum Klagenfurt) und Rudolf Waldenberger (Herzchirurg, nunmehr Gesundheitsökonom) für die Vorstellung ihres Buches formulieren.

Überfüllte Spitäler, unnötige Untersuchungen

Flott, aber mit hoher Expertise versehen, heißt es in dem 208 Seiten umfassenden Band, der sich von Themen wie "Das kranke Haus" (überfüllte Spitäler, unnötige Untersuchungen, überlange Dienste, Haftungsprobleme etc.), "Der Kranke Patient" (Recht für Patienten, Fehlende Zeit für Patienten, Faktor Angehörige etc.) bis hin zu "Die kranke Medizin" (Überdiagnosen, Leitlinien ohne Logik, Zwei-Klassen-Medizin etc.), "Das Leben des Arztes" (ungleiche Gegebenheiten, Machbarkeitswahn etc.), "Das Spiel der Pharmaindustrie" (Burn-out als Modekrankheit, Antibiotika, Entzündungshemmer), und "Der vernachlässigte Alte" (Altersdiskriminierung, Missbrauch von Notärzten, Sterben als keine Option) beschäftigt: "Es gibt eine todsichere Methode, wie gesunde Menschen in der Sekunde krank werden: Sie müssen nur ein Krankenhaus besuchen oder zum Arzt gehen und 'Grüß Gott' sagen. Als Ärzte des Vertrauens dürfen wir Ihnen einen guten Rat geben: Gehen Sie nie in ein Krankenhaus, wenn es nicht wirklich notwendig ist. Wer es gesund betritt, geht mit einer Diagnose wieder raus. Jeder bekommt seine Diagnose, jeder."

Da seien einander "Der Spitzensportler, die Risikomanagerin, der Baggerfahrer, die Biologielehrerin, der Agenturchef, die Hundezüchterin, der Jazzmusiker, die Millionärin, der Verkehrspolizist, der Schriftsteller, die Papuschek-Tante und der faule Willi" gleich. Dies sollte vor allem bei den (potenziellen) Patienten für Hausverstand sorgen - und, vielleicht, für Entlastung in den Krankenhäusern. "Niemand verlässt das Haus ohne Diagnose. Das ist der Fehler im System."

"Der Machbarkeitswahn produziert horrende Kosten"

Die Fachleute, die ihre Anmerkungen von Andrea Fehringer und Thomas Kopf (Mitarbeit Lauren Seywald) aufzeichnen ließen, wenden sich vor allem gegen den immer stärkeren Einfluss der Manager und ihrer Ökonomisierung der Medizin. Die Politik sei endlich gefordert: "Auf der anderen Seite können Arztpraxen kaum noch wirtschaftlich überleben, ohne am Fließband zu behandeln. Insgesamt gehen dem österreichischen Gesundheitssystem die Ärzte aus. Es lohnt sich nicht eine Kassenordination zu eröffnen, was wiederum zu einer völligen Überlastung der Spitäler führt."

Wenn Patienten sich aus der Verantwortung nähmen, Wunder erwarteten und Ärzte in ihrem Verantwortungsgefühl und in ihrer Zivilcourage versagten, sei das Unheil perfekt. "Der Machbarkeitswahn produziert horrende Kosten und fragwürdige Erfolge auch gegen den Willen von Patienten. Die digitale Revolution ist die nächste humanistische Herausforderung, währenddessen entwickelt sich längst eine Zwei-Klassen-Medizin und ohne Zusatzversicherung rücken OP-Termine in weite Ferne", wurde im Pressetext "locker" formuliert.

Und: "Die Politik verschließt die Augen, Finanzierungen wo nötig fehlen allerorts, Verantwortungen werden seit Jahren hin und hergeschoben. Nichts passiert." Dabei seien die Probleme durchaus lösbar. Erst vor kurzem hat die Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) dazu ein Manifest veröffentlicht, in dem besonders auf die Ethik in der Medizin eingegangen wird. (apa)