Die Gewerkschaften rufen die 125.000 Beschäftigten der Sozialwirtschaft zum Streik auf. Der Grund: Auch die sechste Runde der Kollektivvertragsverhandlungen ging ohne Ergebnis zu Ende. Die Gewerkschaften bleiben bei ihrer Forderung nach einer 35-Stunden-Woche. Die Arbeitgebervertretung bietet ein Lohnplus von jeweils 2,7 Prozent in den nächsten beiden Jahren. Schon am Mittwoch legten Beschäftigte laut Gewerkschaft in 400 Betrieben ihre Arbeit nieder, am Donnerstag folgen weitere. In Wien führt darüber hinaus eine Demo vom Praterstern bis zum Sozialministerium. Die "Wiener Zeitung" hat zwischen GPA-djp-Vertreterin Eva Scherz und Arbeitgebervertreter Walter Marschitz zu einem Schlagabtausch der Argumente eingeladen.

Wiener Zeitung:Warum rufen Sie erneut zu Streiks auf?

Eva Scherz: Weil die Arbeitgeber leider immer noch Gesprächsverweigerung betreiben. Zu unserer Forderung nach einer 35-Stunden-Woche gibt es nach wie vor keine konstruktiven Gespräche. Die 35 Stunden bedeuten für jene, die Vollzeit arbeiten, weniger Arbeitsstunden und für jene, die Teilzeit arbeiten, Lohn- und Gehaltserhöhungen.

Walter Marschitz: Der Vorwurf der Gesprächsverweigerung kostet mich ein kleines Lächeln. Wir reden seit vier Jahren über die Arbeitszeitverkürzung und haben erst am Montag vor einer Woche wieder dreizehn Stunden lang verhandelt. Wir sind also sehr wohl im Gespräch. Jedenfalls haben wir nicht nur über das Wetter geredet. Aber es gibt einen Dissens darüber, ob das eine sinnvolle Maßnahme ist und ob wir das in unserem Bereich umsetzen können.

Beim Streik werden dieses Mal noch mehr Betriebe und Beschäftigte mitmachen, zum Beispiel fast alle der 1600 Freizeitpädagoginnen und -pädagogen. Die Eltern müssen also bei der Kinderbetreuung einspringen. Beeindrucken Sie die Streikmaßnahmen?

Marschitz: Wir werden uns erst einmal anschauen, wie viele tatsächlich teilnehmen. Die Freizeitpädagogen von ‚Bildung im Mittelpunkt‘ waren schon beim letzten Mal die bei weitem aktivste Gruppe. Es gab aber auch sehr viele Rückmeldungen von Betrieben, wo es keine oder nur wenige Beteiligte gab. Wir werden das also am Ende der Woche beurteilen. Ich gehe davon aus, dass es wieder friedlich abgehen wird und dass die Gewerkschaft danach trachten wird, dass es keine substanziellen Einschränkungen in der Betreuung und Pflege geben wird.

Scherz: Auch uns ist sehr wichtig, dass sich niemand um die Gesundheit und die Würde der Angehörigen sorgen muss. Das ist in unser beider Interesse. Es ist aber die Aufgabe der Arbeitgeber, die Betreuung in den Betrieben mit Notfallplänen sicher zu stellen. Uns ist es auch wichtig, dass die Angehörigen oder wie in diesem Fall die Eltern wissen, dass sie einspringen müssen. Es gibt aber eine unglaubliche Solidarität, die uns da entgegenschlägt. Nicht nur von den Beschäftigten, sondern auch von den Angehörigen hören wir laufend: ‚Haltet durch, wir tun das auch.‘ Wir kommen mit dem Beantworten von Mails kaum nach. Das stärkt uns natürlich.

Es arbeiten 125.000 Menschen in der Sozialwirtschaft, die Hälfte in der Pflege und Betreuung. Warum machen die das, wenn die Arbeitsbedingungen so schlecht sind?

Scherz: Es ist nicht ein Beruf, sondern es sind 100 verschiedene Berufe. Für alle gilt, dass die Arbeit schön und sehr sinnstiftend ist, man kriegt wahnsinnig viel zurück. Aber: In manchen Bereichen ist der Arbeitsdruck enorm gestiegen, durch zusätzliche Vorgaben und Dokumentationspflichten. Durch eine Verschlechterung anstatt Verbesserung des gesetzlichen Rahmens, zum Beispiel in Form schlechterer Personalschlüssel in den Pflegeheimen.

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Warum sorgen die Arbeitgeber nicht für bessere Arbeitsbedingungen?

Marschitz: Es ist richtig, dass sich in manchen Bereichen die Bedingungen verschlechtert haben, aber nicht durch Arbeitgeber, sondern durch politische Maßnahmen. In den Pflegeheimen wurden die Aufnahmeschwellen nach oben gesetzt, weshalb die Bewohner heute im Schnitt höhere Pflegestufen haben und gleichzeitig die Personalschlüssel, die im Wesentlichen Sache der Länder sind, nicht angepasst. Da ist ein Problem, das zu lösen ist - aber nicht in den Kollektivvertragsverhandlungen, sondern im Zuge der Pflegereform. Der Pflegebereich ist der Bereich, wo am meisten zusätzliche Arbeitskräfte hineindrängen. Wir haben 58 Prozent mehr Personen in der Pflege als noch vor zehn Jahren. Das ist der dynamischste Wirtschaftsbereich überhaupt. Das Problem ist, dass uns die demografische Entwicklung auf den Kopf fällt, davor haben wir seit Jahren gewarnt. Ab dem Ende der 1930er-Jahre stiegen die Geburten um bis zu 50 Prozent an. Diese geburtenstarken Jahrgänge kommen nun ins Pflegealter, deshalb steigt der Bedarf so stark. Außerdem möchte ich auf einen Arbeitsklimaindex der Arbeiterkammer hinweisen, wonach Pflegekräfte knapp hinter den Bankangestellten jene sind, die die Frage nach einem Jobwechsel mit einem Nein beantworten.

Scherz: Was mich stört, ist, dass die Probleme der Branche immer auf die Politik verlagert werden. Wir haben Ihnen immer gesagt, dass der Personalschlüssel angehoben werden muss. Es gehört auch zur Fürsorgepflicht der Arbeitgeber, darauf zu achten, dass es Mitarbeitern gut geht. Und dass Sie auf die Politik einwirken, um einen besseren Personalschlüssel gerade in der Langzeitpflege zu bewirken. Die Fluktuation hat sich extrem erhöht. Die Leute bleiben nicht mehr bis zur Pension, sondern steigen oft schon nach kurzer Zeit wieder aus dem Beruf aus. Das verursacht auch extreme Kosten für die Betriebe, weil man laufend neu einschulen muss. Sobald jemand den Stationsalltag intus hat, ist er - meistens natürlich sie - schon wieder weg.

Marschitz: Diese hohe Fluktuation kann ich nicht bestätigen. Durch den Arbeitskräftemangel, der in der stationären Pflege seit Jahren herrscht, gibt es natürlich für jene, die da arbeiten wollen, viele Möglichkeiten sich neu zu orientieren.

Außerdem gibt es eine zweite Arbeitsklimaindex-Umfrage, wonach es drei Viertel der Beschäftigten in der Altenpflege für nicht wahrscheinlich halten, dass sie ihren Job bis zur Pensionierung ausüben können. Müsste man da nicht mehr tun?

Marschitz: Ja, die kenne ich auch. Ich führe das darauf zurück, dass die Belastung in bestimmten Bereichen gestiegen ist. Das ist auch empirisch für den stationären Bereich belegt, in der mobilen Pflege dürfte die Situation gleich geblieben sein. Mir ist schon klar, dass es Stress bedeutet, wenn ich alleine einen Nachtdienst machen muss, ein Bewohner ein Problem hat und zugleich die Glocke eines zweiten läutet. Das ist sehr evident. Das ist das, was sich hinter dem sperrigen Begriff Personalschlüssel verbirgt. Das können wir aber im Kollektivvertrag nicht wirklich lösen.

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Scherz: Das könnte der Arbeitgeber gleich lösen, indem man niemanden mehr alleine in den Nachtdienst schickt.

Marschitz: Es gibt leider keine Finanzierung, die das abdeckt. Das ist teuer. Und es ist ja nicht so, dass wir große Überschüsse in unseren Budgets hätten. Das behauptet ja nicht einmal die Gewerkschaft, dass das so ist. Unsere Gewinne liegen laut Arbeiterkammer bei 0,16 Prozent.

Es gibt 35.000 in der Pflege registrierte Personen, die ihren Beruf nicht ausüben. Wollen Sie die nicht zurückgewinnen?

Marschitz: Diese Zahl ist laut Gesundheit Österreich so nicht richtig. Da wurden zum Beispiel viele mitgezählt, die selbstständig arbeiten. Außerdem würde kein Träger Betten leer stehen lassen, wenn die Leute verfügbar wären. Aber natürlich suchen wir auch in diesem Feld, weil wir ohnehin in den nächsten zehn Jahren 75.000 zusätzliche Pflegekräfte brauchen.

Was werden Sie diesen Leuten bieten, um sie zu gewinnen?