Das Coronavirus zieht derzeit alle Aufmerksamkeit auf sich. Die noch laufende Grippesaison steht hingegen weniger im Fokus, obwohl sie statistisch weit bedeutender ist. Das zeigt eine erste Zwischenbilanz zur aktuellen Influenza-Saison, die Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am Donnerstag in Wien präsentierte.

Mittlerweile gibt es in Österreich 41 mit dem Coronavirus infizierte Personen, am Mittwochnachmittag waren noch 27 Fälle gezählt worden. Anschober sprach von einer "deutlichen Steigerung", betonte aber: "Es ist die Entwicklung, mit der wir gerechnet haben." Laut den Behörden handelt es sich bei den neuen Fällen zum überwiegenden Teil um Niederösterreicher. Erste bestätigte Fälle gab es am Donnerstag zudem in Vorarlberg und Kärnten.

Starke Schwankungen

Eine andere Größenordnung zeigt sich bei der Grippesaison 2019/2020. Mit Stand 4. März sind insgesamt 245.000 Menschen an der Influenza oder einem grippalen Infekt erkrankt. 129.000 Menschen laborieren derzeit nach aktuellem Stand noch an einer Erkrankung.

Zum Vergleich: In der vergangenen Grippesaison 2018/2019 gab es insgesamt 145.000 Fälle, 2017/2018 waren es rund 440.000 Erkrankungen. Solche starken saisonalen Schwankungen sind üblich. Jährlich zirkulieren unterschiedliche Viren, die schwächere und stärkere Erkrankungsverläufe verursachen können, sagt Monika Redlberger-Fritz vom Zentrum für Virologie an der MedUni Wien.

Daher variiert auch die Mortalitätsrate stark, Opfer sind meist ältere Menschen mit Grunderkrankungen. Laut der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit waren in der heurigen Grippesaison bis einschließlich 16. Februar 643 Todesfälle auf die Influenza zurückzuführen. In der vergangenen Saison 2018/2019, in der es deutlich weniger Erkrankungen gab, wurden insgesamt rund 1400 Todesfälle verzeichnet. 2017/2018 waren es sogar rund 2850 gewesen.

"Die Grippe wird massiv unterschätzt", beklagte Anschober. Im Gegensatz zum Coronavirus gebe es bei der Influenza wirksame Impfungen. Dennoch betrage die Durchimpfungsrate in Österreich nur acht bis neun Prozent. "Das ist zu wenig", so Anschober. Er will die Bevölkerung künftig verstärkt informieren und dadurch die Impfrate erhöhen.

"Die Grippe ist eine Krankheit, die uns seit unserer Kindheit begleitet", meinte der Grünen-Politiker. Die Angst sei vielleicht deswegen geringer als vor dem neuartigen Coronavirus. Fest stehe nach den derzeitigen Erkenntnissen jedoch auch, dass das Coronavirus eine höhere Mortalitätsrate als die Influenza habe, erklärte der Gesundheitsminister.

Meist milder Verlauf

Die Sterberate bewegt sich außerhalb des Epizentrums in der Region Hubei in China laut WHO bei 0,7 Prozent. Wie hoch sie aber tatsächlich sei, werde man erst nach dem Ende der Epidemie sehen, hieß es seitens des deutschen Robert Koch-Instituts. Bei den jährlich stark schwankenden Grippewellen wird die Sterberate zwischen 0,1 und 0,2 Prozent angegeben.

In Österreich verlaufen die meisten Erkrankungen bisher mild. Schwer erkrankt ist ein 72-jähriger Mann in Wien, der bereits seit Tagen auf der Intensivstation des Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spitals liegt. Todesfälle gab es bisher noch nicht.

Die aktuelle Influenza-Saison ist bereits langsam am Abklingen. Im Frühling und Sommer ziehen sich die Influenzaviren aufgrund der steigenden Temperaturen großteils wieder zurück: Je kälter es ist, desto länger können sie sich an der Oberfläche halten. Ob das auch auf das Coronavirus zutrifft, weiß man noch nicht.

Der Zeitfaktor

Österreich setzt bei der Bekämpfung des Coronavirus vor allem auf den Faktor Zeit: Sobald die Grippesaison in einigen Wochen endet, kann sich das frei werdende medizinische Personal verstärkt dem Coronavirus zuwenden. Anschober rechnet auch damit, dass im Herbst oder Winter ein Impfstoff gegen die neue Erkrankung fertig sein könnte.

Der Grünen-Politiker appellierte an die Bevölkerung, im Verdachtsfall die Nummer 1450 zu wählen. Dort werden die Betroffenen befragt, Experten entscheiden dann über das weitere Vorgehen. Am Mittwoch wurden 3000 Anrufe bei der Hotline verzeichnet. In Wien werden etwa täglich rund 100 Verdachtsfälle besucht und Tests durchgeführt.

Eine landesweite Schließung von Schulen und Universitäten wie in Italien ist laut Anschober nicht geplant, könne aber an einem "Zeitpunkt X" sinnvoll sein: "Ein solcher Zeitpunkt kann kommen, muss aber nicht."