Die Regierung hat am Dienstag im Kampf gegen das Coronavirus erstmals derart drastische Maßnahmen verkündet, dass das öffentliche Leben in Österreich in den kommenden Wochen massiv beeinträchtigt werden wird. Bis 3. April werden größere Veranstaltungen inklusive Demos verboten. Es gibt einen Einreisestopp aus Italien, nur Österreicher sollen zurückgeholt werden. Unis schließen ebenfalls.

Am Dienstagnachmittag wurde bekannt, dass das Bildungsministerium die Schuldirektoren ersucht hat, sich aufgrund des Coronavirus auf Schulschließungen präventiv vorzubereiten. In einem der APA vorliegenden Schreiben an Schulleiter wird außerdem empfohlen, dass Ausflüge, Reisen und Schulveranstaltungen ab sofort bis auf Weiteres ausgesetzt werden. Derzeit sei der bundesweite Schulbetrieb von einer flächendeckenden Schließung wie an den Hochschulen nicht betroffen, heißt es in dem Schreiben. Eine Klasse einer Schule in Wien-Döbling ist am Dienstag bereits vom Schulbetrieb abgesondert worden, weil eine Lehrerin positiv auf das Coronavirus getestet worden ist. Die Geschwister der betroffenen Schüler wurden ebenfalls angewiesen, vorsichtshalber zu Hause zu bleiben, sagte ein Sprecher des medizinischen Krisenrates gegenüber der APA.


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Maximal 100 Besucher von Gottesdiensten

Nach internen Beratungen legte sich Österreichs Bischofskonferenz am Nachmittag fest, man werde die von der Regierung vorgegebenen Obergrenzen - das bedeutet maximal 100 Besucher von Gottesdiensten - einhalten, wurde der "Wiener Zeitung" erklärt. Jede Diözese werde eigene Regeln für die jeweiligen Pfarren erlassen. Grundsätzlich werden die einzelnen Pfarren für die Einhaltung der Obergrenzen verantwortlich sein. Diese werden auch die Möglichkeit haben, Gottesdienste völlig abzusagen. Auch die Obergrenze von 500 Besuchern bei kirchlichen Aktivitäten unter freiem Himmel, wie von der Bundesregierung vorgegeben, werde eingehalten werden, heißt es. Allerdings fällt die bei der katholischen Kirche größte Freiluftaktivität, nämlich die Prozession zum Palmsonntag, heuer in den April.

Auch der Wiener Stephansdom stellt wegen des Coronavirus bis auf weiteres den Tourismusbetrieb ein. Für Gläubige, die Gottesdienste besuchen, beten oder beichten wollen, bleibt der Dom aber bis zu einer Anzahl von 100 Personen offen. Auch die Öffnungszeiten wurden nicht verändert. Bis Anfang April verzichtet der Stephansdom bei den Messen auf Mund- und Kelchkommunion, den Friedensgruß per Händedruck und generell auf den Gebrauch von Weihwasser.

Vorerst keine Freitagsgebete in Moscheen

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) hatte angekündigt, dass ab Freitag bis vorerst 1. April keine Freitagsgebete in Moscheen abgehalten werden dürfen. Dies gilt auch für kleine Gebetshäuser, die sonst mit großem Andrang zu rechnen hätten. Aus islamischer Sicht seien diese Maßnahmen gerechtfertigt, denn die Verpflichtung zur Durchführung des Freitagsgebetes gelte als aufgehoben, "wenn Krankheit oder Sorge um das eigene Leben oder jenes von Familienangehörigen vorliegen".

Ausnahmslos alle Moscheen und Imame sind dazu angehalten, sich an diese Vorsichtsmaßnahmen zu halten, schrieb die IGGÖ in einer Aussendung. Ebenso solle die Abhaltung größerer Veranstaltungen und Versammlungen innerhalb der islamischen Einrichtungen möglichst vermieden werden. Die Moscheen bleiben jedoch für das tägliche Gebet und seelsorgerische Dienste geöffnet, betonte die Glaubensgemeinschaft.

Die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) hat schon seit längerem einen Krisenstab eingerichtet, der über das Vorgehen berät. Seit zwei Wochen gibt es auch in den religiösen Einrichtungen, die etwa dem Stadttempel, besondere Hygienemaßnahmen. Auch über weitere Maßnahmen werden die Mitglieder laufend informiert.

"Zuwachsraten machen ein Handeln notwendig

"Heute ist es soweit", sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) bei einer Pressekonferenz in Wien. Nun sei der Tag gekommen, an dem Einschränkungen im öffentlichen Leben notwendig werden würden, kündigte er die Maßnahmen der Regierung an. Die Zahl der Infizierten in Österreich sei zwar vergleichsweise gering, die Zuwachsraten machten ein Handeln aber notwendig, so Kurz.

Die Maßnahmen der Regierung gliedern sich in drei Bereiche. Erstens solle die Einschleppung aus Italien verhindert werden, sagte Kurz. Daher gelte ab sofort ein Einreisestopp, die Grenzen werden dicht gemacht. Einreisen dürfen nur Menschen mit einem ärztlichen Attest, sagte Kurz. Auch die Durchreise ist möglich, allerdings nur, wenn in Österreich keine Pausen gemacht werden. Die Heimholung von in Italien befindlichen Österreichern werde derzeit organisiert, danach gelte für diese Personen zwei Wochen lang häusliche Isolation.

Weiters müsse die Verbreitung in Österreich eingedämmt werden, kündigte die Regierung am Dienstag an. Das bedeute unter anderem Einschränkungen bei Veranstaltungen. Ab Mittwoch werden per Erlass alle Outdoor-Veranstaltungen über 500 Teilnehmer bis Anfang April abgesagt, ebenso alle Indoor-Veranstaltungen über 100 Teilnehmer. Ab Montag nächster Woche soll es an Universitäten und Fachhochschulen keine Lehrveranstaltungen mehr geben, teilte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) mit. Auch in Lokalen sind nur noch100 Menschen pro Raum erlaubt, hat Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am Dienstag in der ZiB2 des ORF erklärt.

Drittens appellierte Kurz eindringlich an die gesamte Bevölkerung. "Jeder kann einen Beitrag leisten", sagte er vor der versammelten Presse. Durch die Reduktion sozialer Kontakte könnten auch junge Menschen dafür sorgen, dass Ältere geschützt werden. "Wir können nicht verhindern, dass sich das Coronavirus in Europa verbreitet", merkte Kurz an. Die Verbreitung müsste aber eingedämmt, der Peak bis nach der Grippewelle verzögert werden. Wer soziale Kontakte in den kommenden Wochen reduziert, könne jetzt einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten, so Kurz. Unternehmen ersuchte der Kanzler, ihren Mitarbeitern so weit wie möglich Teleworking zu genehmigen.

Anschober betonte die Dringlichkeit der Maßnahmen am Dienstag. "Wir können dieses Land nicht unter einen Glassturz stellen", sagte er. Wichtig wäre es allerdings, Zeit zu gewinnen. Die Regierung sei bemüht, das Richtige zu tun und nun sei der "richtige Zeitpunkt für durchaus einschneidende Maßnahmen" gekommen, so Anschober.

Bei Veranstaltern ortet der Minister eine große Bereitschaft, auf Events zu verzichten. Der Erlass werde präzise formuliert, damit für jeden klar ist, was gemeint ist. Theater, Kinos, Konzerte werden aber davon betroffen sein. Restaurants zu schließen, sei derzeit nicht angedacht. Sportveranstaltungen könnten aber etwa ohne Zuschauer stattfinden. Die gesetzlichen Vorgaben der Regierung nun umzusetzen, liege nun bei den Veranstaltern, so Kurz, der auch an den Hausverstand appellierte. "Es ist ein Straftatbestand nicht daran mitzuwirken, dass sich eine Epidemie ausbreitet", ergänzte Innenminister Nehammer.

Anschober: Es kommt auf jeden Einzelnen an

Dass die Maßnahmen der Regierung durchaus große Auswirkungen auf das Leben in Österreich haben werden, ist den Politikern bewusst. "Wir müssen unser Leben für ein paar Monate verändern", sagte Anschober. Jeder Einzelne müsse in der kommenden Wochen überlegen, wie man das Risiko einer Verbreitung des Coronavirus minimieren könne. Die Regierung setze zwar die richtigen Maßnahmen, die Bürger müssten aber mithelfen, so Anschober und ergänzte: "Wir brauchen Zusammenhalt, aber wir brauchen auch eine gewisse Distanz." Aufpassen müsse man besonders auf die besonders Schutzbedürftigen, also Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen.

BIP-Wachstum fällt auf unter ein Prozent

Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) kündigte am Dienstag an, es gebe ab sofort keine Züge und keine Flüge mehr aus Italien nach Österreich. Eine Durchreise ohne Zwischenstopp sei erlaubt, auch der Güterverkehr laufe weiter, allerdings mit Gesundheitschecks an der Grenze. Österreicher, die aus Italien zurückkehren, müssen zwei Wochen lang in Isolation. Die Einhaltung dieser werde auch stichprobenartig kontrolliert, gaben die Regierungsvertreter bekannt. (apa)