Nun legt auch Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) nach. Er weist jede Kritik am Vorgehen der Behörden in Ischgl zurück. Man habe in der jeweiligen Situation das "Menschenmöglichste" getan, "damit die Ausbreitung des Virus nicht explodiert", betonte er am Dienstag bei einer Videopressekonferenz. Tirol, das Bundesland, in dem es bisher die meisten an Covid-19 Erkrankten in Österreich gibt, habe nicht zu spät reagiert.

Auf Nachfrage der "Wiener Zeitung" übermittelte Platter ein Statement. Alle Entscheidungen seine von Experten in ständiger Abstimmung mit dem Gesundheitsministerium auf Basis des aktuellen Wissenstandes zum Zeitpunkt der Entscheidung getroffen worden: "Das Buch nun von hinten zu lesen, ist einfach. Eines muss man aber auch sagen: Dass mit diesem Phänomen Coronavirus die gesamte Welt überrascht wurde", sagt der Landeshauptmann. Und: "Sowohl die anderen Kontinente als auch in Europa, Österreich, Tirol und Ischgl lernen wir tagtäglich dazu. Es gibt für diese in der Geschichte einmalige Krise keine Blaupause, wie damit umzugehen ist." Die nächsten Wochen würden uns alle bis an die Grenzen und auch darüber hinaus fordern.

Platter unterstützt also Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP). "Die Behörden haben alles richtig gemacht", hatte er bereits am Tag davor im "ZiB 2"-Interview mehrmals betont. "Ich glaube, dass auch in der zeitlichen Abfolge alles richtig passiert ist." Was aber ist in welcher Abfolge passiert?

5. März

Ischgl wird zum Risikogebiet erklärt

Island erklärt Ischgl zum Risikogebiet, weil 15 Heimkehrer positiv getestet wurden. Den Rückkehrern wird von den isländischen Behörden empfohlen, zunächst zwei Wochen zuhause zu bleiben. 14 davon hatten einen Skiurlaub im Tiroler Oberland verbracht. Das Land Tirol teilte an diesem Donnerstagabend mit, dass sich die Ansteckung erst im Flugzeug auf der Rückreise von München nach Reykjavik ereignet haben dürfte. Im Flugzeug befand sich ein am Virus erkrankter Fluggast. Die infizierte Person war am Rückweg nach Island von einem Italienurlaub, hieß es. "Unter dieser Annahme erscheint es aus medizinischer Sicht wenig wahrscheinlich, dass es in Tirol zu Ansteckungen gekommen ist", sagte Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber an diesem Tag.

6. März - Behörden starten mit ersten Tests

Die Gesundheitsbehörden kontaktieren das Hotel, in dem die Isländer nächtigten. Sie weisen an, Hotel-Personal mit Symptomen zu testen. Personen, die Apres-Ski-Lokale besucht hatten, werden zudem vom dortigen niedergelassenen Arzt getestet. Darunter ist auch der 36-jährige Barkeeper der Apres-Ski-Bar "Kitzloch". Laut Land gibt es zu diesem Zeitpunkt keinen einzigen Verdachtsfall in oder aus Ischgl.

7. März

Barkeeper aus Ischgl positiv getestet

Ein 36-jähriger Barkeeper aus Norwegen der Bar "Kitzloch" in Ischgl wird am Samstag im Gemeindegebiet Ischgl im Tiroler Bezirk Landeck positiv auf das Coronavirus getestet. "Der 36-Jährige wurde umgehend isoliert und wird zur weiteren Behandlung in die Infektiologie der Innsbrucker Klinik gebracht", teilte Anita Luckner-Hornischer von der Landessanitätsdirektion in einer Aussendung mit. Enge Kontaktpersonen aus seinem Arbeitsumfeld seien bereits unter Quarantäne gestellt und für 14 Tage isoliert worden. Weitere Kontaktpersonen, die nicht zum engen Kreis zählen, werden über einzuhaltende Hygiene- und Verhaltensmaßnahmen informiert, um ihren Gesundheitszustand zwei Wochen lang zu beobachten. Weitere Erhebungen zu möglichen engen Kontaktpersonen würden durchgeführt, teilte das Land Tirol mit. Damit waren mit Stand Samstagabend sechs Personen in Tirol am Coronavirus erkrankt - darunter fünf Norweger und eine 22-Jährige aus Kitzbühel.

8. März - Erste Zusammenhänge mit der Bar werden bekannt

Es wird bekannt, dass die erkrankten Isländer im "Kitzloch" waren. Ebenso, dass drei weitere in Tirol positiv getestete Personen sich in Ischgl aufgehalten hatten.

9. März

Die Bar wird geschlossen

Am Montagabend wird bekannt, dass die Bar "Kitzloch" im Tiroler Wintersportort Ischgl vorsorglich behördlich gesperrt wird. Die Schließung erfolge im Einvernehmen mit dem Betreiber, teilte das Land Tirol mit. Auch eine für diese Woche angesetzte Nachtskilauf-Veranstaltung in Ischgl wurde abgesagt. Zudem würden sowohl Einheimische als auch Gäste verstärkt Informationen zu entsprechenden Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen zur Verfügung gestellt, hieß es. In der Bar hatte unter anderem jener 36-jährige Barkeeper aus Norwegen gearbeitet, der vergangene Woche positiv auf das Virus getestet worden war. Bei 15 neuen Fällen an diesem Tag gibt es einen unmittelbaren Zusammenhang zum Barkeeper.

10. März Erste Schließungen

Alle Apres-Ski-Lokale in Ischgl werden geschlossen. Tags darauf wird verkündet, dass das Skigebiet Ischgl für zwei Wochen gesperrt wird.

12. März

Das Ende der Wintersaison wird angekündigt

Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) kündigt das Ende der Wintersaison an: "Diese Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen. Aber wir übernehmen Verantwortung für alle TirolerInnen und für alle, die sich in Tirol aufhalten", sagt Platter. Damit die Gäste geordnet abreisen können, wurde der Montag als letztmöglicher Tag der Abreise gewählt. Der Skiort Ischgl im Paznauntal könne als "Ausbreitungsherd" bezeichnet werden. Fast die Hälfte der Fälle weist einen Bezug zu Ischgl auf. Die Coronavirus-Fälle in Tirol ausgehend von Ischgl nehmen vorerst weiter zu: Wie das Land Donnerstagabend mitteilte, wurden weitere 15 Personen positiv getestet, die einen Bezug zu dem Ort aufweisen. Insgesamt sind zu diesem Zeitpunkt 107 Personen in Tirol erkrankt, zwei sind bereits genesen. Zu den Skifahrern im Paznauntal heißt es an diesem Tag: "Derzeit befinden sich noch 12.000 Skifahrer auf den Pisten, die das sonnige Wetter ausnützen." Günther Aloys, Hotelier in Ischgl sagte im Gespräch mit der APA: "Wir haben ganz wenige Fälle. Die Leute sind sensibel, passen auf. Das ist ja nichts anderes als eine Grippe, die für die allermeisten nicht tödlich ist." Es wäre besser, die Saison ohne Skiliftbetrieb weiterlaufen zu lassen, auch wenn er die Entscheidung des Tourismusverbandes, die Saison gleich vorzeitig zu beenden, begrüße.

13. März - Ischgl wird unter Quarantäne gestellt

Die Regierung stellt drei besonders vom Coronavirus betroffene Gebiete unter Quarantäne: Die rund 9500 Einwohner, österreichische Urlauber sowie die Beschäftigten von Tourismusbetrieben von Ischgl, Kappl, Galtür und See im Paznauntal müssen zwei Wochen in den Orten bleiben. Häusliche Quarantäne gibt es jedoch nicht. Auch St. Anton am Arlberg, ebenfalls in Tirol ist seither isoliert, tags darauf kam auch die Kärntner Gemeinde Heiligenblut dazu. Gäste dürfen ausreisen, müssen sich aber ausweisen und dazu verpflichten, bis nach Hause durchzufahren. Die Herkunftsländer der Touristen werden informiert. Auch Menschen, die seit 28. Februar in diesen Gegenden waren oder Kontakt zu Einwohnern hatten, müssen für 14 Tage zu Hause bleiben. Knapp zwei Drittel der 170 bis an diesem Tag in Tirol positiv getesteten Personen haben einen Bezug zum Paznauntal und zu St. Anton, teilte das Land mit. Im Laufe des Nachmittages wurden weitere 29 Menschen positiv getestet - alleine davon stehen 20 in Zusammenhang mit St. Anton, Ischgl und Kappl, hieß es. "Wir haben jetzt noch die Chance, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und die Zahl der Infizierten einzuschränken", rechtfertigte Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) die restriktive Maßnahme.

14. März - Ausreisende übernachten in Innsbruck

"Die Gäste sind zum Großteil draußen", berichtete Werner Kurz, Bürgermeister von Ischgl der APA. Das Land Tirol empfiehlt an diesem Tag jenen, die sich seit 28. Februar in den isolierten Orten aufgehalten hatten, sich in freiwillige häusliche Isolation zu begeben. Die Kontaktpersonen dieser Menschen sind von der freiwilligen Quarantäne nicht betroffen.

Zwar will Tilg nur von vier Fällen, die in Innsbrucker Hotels übernachtet haben, wissen, Armin Wolf spricht im "ZiB 2"-Interview aber von Hunderten, die laut Recherchen der ORF-Kollegen in der Landeshauptstadt übernachtet hätten, mangels Flug- oder Zugverbindung noch am selben Tag. Dazu Tilg: "Das liegt auch in der Eigenverantwortung der Gäste." Man habe mit ihnen per Formular vereinbart, dass sie "zügig durch Tirol und Österreich durchfahren".

"Der Standard" berichtete in seiner Dienstagausgabe darüber hinaus, dass nicht nur hunderte Urlauber in Innsbruck gelandet sein, sondern sich viele auch über andere Regionen Tirols verteilt haben. So habe eine Gruppe von 159 Urlaubern aus St. Anton in einem Hotel im Tiroler Oberland eingecheckt. Sie sollen eine Nacht geblieben sein, um am Samstag ihren Rückflug in Innsbruck anzutreten. Dem Hotel sollen dafür pauschal 3000 Euro bezahlt worden sein. Von wem, sei bisher unklar. Das Personal befindet sich nun in freiwilliger Selbstisolation in einem anderen Hotel.

15. März - Skilifte schließen

Dass die Skilifte solange in Betrieb waren, erachtete auch Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) in der "Sonder-ZiB" am Montagabend als nicht richtig.

"Die Gesamtvorgangsweise war richtig", behauptete Landesrat Tilg behauptet im "ZiB 2"-Interview Montagabend. - © ORF
"Die Gesamtvorgangsweise war richtig", behauptete Landesrat Tilg behauptet im "ZiB 2"-Interview Montagabend. - © ORF

16. März - Gesundheitslandesrat Tilg im "ZiB 2"-Interview

Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg sieht im "ZiB 2"-Interview keine Probleme im Vorgehen der Behörden. Der Vorwurf, dass sich da die Bergbahnlobby durchgesetzt habe, "stimmt nicht". Tirol habe ständig Maßnahmen getroffen, "die Gesamtvorgangsweise war richtig". Der Krisenstab in Tirol tage seit 21 Tagen - elf Tage, bevor es in Ischgl den ersten Fall des erkrankten Barmanns im "Kitzloch" gegeben habe. "Ich glaube, dass auch in der zeitlichen Abfolge alles richtig passiert ist." Und: "Die ausländischen Behörden machen den Eindruck, dass das Coronavirus in Ischgl entstanden ist, das ist aber nicht so." Es sei ein internationales Problem, das "leider auch in das Paznauntal hineingetragen wurde".

Alle Beherbergungsbetriebe, bis auf einige Ausnahmen für medizinisches Personal sowie im Geschäfts- bzw. Wirtschaftsbereich, schließen an diesem Tag.

17. März - Bundes- und Landesopposition üben harsche Kritik

Im Laufe des Donnerstags kritisieren zahlreiche Politiker das Vorgehen in Tirol. Bundesparteiobmann Norbert Hofer Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) in die Pflicht und verlangte eine Stellungnahme des Ministers: "Dieser Skandal schadet Österreich nachhaltig." - "Wir brauchen jetzt kein Scherbengericht. Zuerst gilt es die Krise zu bewältigen, anschließend wird man sich aber sehr intensiv über diese Fehlentscheidungen unterhalten müssen", assistierte Tirols FPÖ-Obmann Markus Abwerzger. Tirols SPÖ-Chef Georg Dornauer forderte den Rücktritt von Gesundheitslandesrat Tilg. Dieser sei mit der aktuellen Situation überfordert: "Er muss mit sofortiger Wirkung abberufen werden." Es brauche jetzt Experten im Gesundheitsressort. Nachdem wir das Virus besiegt haben, werde die Tiroler SPÖ "mit allen parlamentarischen Mitteln" auf Bundes-und Landesebene für volle Aufklärung in dieser Angelegenheit sorgen.

Anders reagierte Liste Fritz-Klubobfrau Andrea Haselwanter-Schneider: "Mitten in einer der schwersten Krisen der letzten Jahrzehnte ist es ein Gebot der Stunde zusammen zu halten und an einem Strang zu ziehen." Jetzt sei nicht die Zeit der Abrechnung, der Landesrat habe aberdie Verunsicherung mit seinem TV-Auftritt vergrößert. "So sieht Krisenmanagement definitiv nicht aus. Die Menschen erwarten sich klare Worte und kein Herumeiern, Verschleiern und Vertuschen." (apa/red)