In Tagen wie diesen ist es nicht einfach, Antworten auf Fragen zu erhalten. Die Expertinnen und Experten auf dem Gebiet der Virologie sind im Dauereinsatz, die zuständigen Ministerien völlig überlastet. Und dann bleiben Fragen offen, wie: "Warum gibt es so wenige Tests?" Bisher wurden 10.278 Tests durchgeführt, rund ein Zehntel kam positiv zurück. Es mehren sich aber Berichte, wonach Personen mit Symptomen und teilweise auch Kontakten in Risikogebieten nicht getestet wurden. Weil es an Kapazität fehlt. Ist das so?

So wenig wird in Österreich gar nicht getestet, vor allem in Bezug auf die Größe der Bevölkerung. Österreich liegt hier im vorderen Drittel aller Länder. Aber: weit hinter Südkorea und China. Vor allem Südkorea hat ein unglaubliches Testregime in nur wenigen Tagen aufgesetzt. Es gibt dort 8300 bestätigte Fälle - bei mehr als 250.000 Tests. Und das Virus ist dort vorerst unter Kontrolle. In Fernost hatte man in der Vergangenheit allerdings mit Mers und Sars bereits Erfahrungen mit Virenepidemien gemacht. Südkorea war hier ganz anders vorbereitet: personell, strukturell und maschinell, wenn man so will. Die Proben werden in riesigen Geräten automatisiert ausgewertet, diese Geräte gibt es gar nicht in den österreichischen Labors.

- © WZ / Moritz Ziegler
© WZ / Moritz Ziegler

Doch Österreich wird seine Kapazitäten bei den Tests auch drastisch nach oben schrauben. Und zwar müssen. Das nach wie vor exponentielle Wachstum der Erkrankungen bedingt, dass sich jeden Tag eine immer größere Anzahl an Personen infiziert. Wenn die Fallzahlen einmal bei 10.000 liegen sollten, wird man mit 400 Tests pro Tag nicht auskommen, um möglichst viele infizierte Personen zu detektieren und sie in Quarantäne zu stecken.

Ein zweites, sehr großes Problem betrifft den gesamten Gesundheitsbereich. Es hat bereits an mehreren Krankenhäusern positive Fälle von Ärztinnen oder Pflegern gegeben, die zur Quarantäne von dutzenden Beschäftigten und Stationsschließungen geführt haben. Das geht vielleicht jetzt noch vereinzelt, aber in zwei Wochen? Die Alternative wären tägliche Tests des Krankenhauspersonals, dann könnte man sich die Quarantäne ersparen. Ein Risiko würde dennoch bleiben: Infizierte können beim Test, einem Rachenabstrich, negativ sein, wenige Stunden später können sich im Rachen aber doch Viren bilden. So oder so bräuchte es eine Risikoabwägung.

Maßnahmen wie Massentests haben in China genutzt

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt mit Blick auf die Erfahrungen aus China und Südkorea: "Man kann kein Feuer mit verbundenen Augen löschen. Man kann diese Pandemie nicht stoppen, wenn man nicht weiß, wer infiziert ist. Die simple Message: Testet, testet, testet!", sagte WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus am Montag. Da wurde auch eine Arbeit eines internationalen Forschungsteams im Journal "Science" publiziert, wonach 86 Prozent aller Infizierten in China nicht bekannt waren, ehe die Massentests und Reisebeschränkungen implementiert wurden. Umgekehrt heißt es aber auch, und das ist die gute Nachricht: Die restriktiven Maßnahmen dürfen gefruchtet haben.

Auf Nachfrage bei der Gesundheitsagentur Ages wird erklärt, dass diese noch Kapazitäten hätte, wenn aus den Bundesländern mehr Proben kämen. Wie eingangs erwähnt: Nicht alle Fragen lassen sich dieser Tage klären, so auch jene nach einem möglichen Flaschenhals bei den Testungen. Gibt es zu wenig Teams, die Proben nehmen? Funktioniert die Logistik zu den Labors nicht? Mangelt es an Geräten? Oder hat man sich Tests aus Sicherheitsgründen aufbehalten?

Der ORF berichtete in der "ZIB 1" am Montag darüber, dass "Testsubstanzen" derzeit Mangelware sind. Diese werden beim Analyseverfahren verwendet, sogenannte Primer. Das konnte man bei der Ages nicht bestätigen. Ein Molekularbiologe, der sich an die "Wiener Zeitung" wendete, bezweifelt dies auch. Diese Primer wären bei diversen Firmen sogar online zu beziehen. Er weist auch darauf hin, dass viele der notwendigen Geräte zur Analyse derzeit ungenutzt an den medizinischen Unis herumstehen. Die könne man nutzen, sagt er. Auch die Ages hat bereits ein solches Gerät von der Veterinärmedizin akquiriert, auch Privatlabors steigen ein. "Bei uns läuft die epidemiologische Überwachung der Entwicklung zusammen", sagt Franz Allerberger von der Ages. Das Testverfahren wurde auch in enger Abstimmung mit der Berliner Charité und dem Virologen Christian Drosten entwickelt. Die Tests wurden danach standardisiert, andere Labors gewissermaßen geschult. Der Molekularbiologe, der sich an die Zeitung wandte, ist nach Durchsicht der Analysemethode überzeugt, dass viel mehr Tests möglich wären.

Österreich gab Großbestellung bei EU ab

Möglich ist, dass die Koordinierung noch nicht optimal ist. Hier hat Südkorea eine ganz andere Struktur aufzuweisen durch die Erfahrungen früherer Epidemien. Wer koordiniert, wenn es irgendwo Engpässe gibt? Wer versucht gegebenenfalls, Geräte von anderen Labors zu beziehen?

Laut Gesundheitsminister Rudolf Anschober werden die Kapazitäten aufgestockt. Bei der EU habe man eine Großbestellung für neue Tests aufgegeben. Österreich wird aber auch weiterhin dabei bleiben, nur Personen zu testen, die Symptome plus Bezug zu positiven Fällen oder Virenherden wie Ischgl aufweisen. "Die nächste Zielgruppe werden aber die Menschen in Gesundheitsberufen sein", sagt Anschober. Diese werden nun intensiver getestet werden. Es geht nicht anders.

Dass es eine Dunkelziffer an Infizierten gibt, ist aber anzunehmen. Zumal es auch eine Zeitverzögerung gibt, bis sich Symptome zeigen und positive Tests vorliegen. Der in Wien lehrende Mediziner Franz Wiesbauer hat auf Basis von diversen Studien berechnet, dass es eine 19 bis 27 Mal so hohe Dunkelziffer an Erkrankten gibt. Das wären also zwischen 20.000 und 25.000 in Österreich.

Drive-in-Tests wie in Südkorea sind aber weder geplant noch möglich. Man hofft auf Schnelltests, wobei die Antikörperschnelltests wenig geeignet scheinen. Die Virologen setzen auf den Antigentest, der gewisse Proteine des Virus nachweist. Doch der wird nicht vor Mai zur Verfügung stehen. Das ist für das jetzige Problem zu spät. Der Mai ist noch weit.