Bestehende Abhängigkeiten und Machtgefälle werden in Quarantäne zunehmend für körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt missbraucht", erklärt Soziologin Laura Wiesböck, warum manchen neben Covid-19 auch Gefahren zu Hause drohen. "Das betrifft überwiegend Frauen in Paarbeziehungen, aber auch Kinder oder ältere Menschen, die im gleichen Haushalt leben", benennt sie die Opfer. Täter sind bekanntermaßen meist männlich.

In einem Klima von Angst und Unsicherheit, wenn Kündigungen und ökonomische Existenzfragen Armutsrisiken verstärken, steigt das Risiko für die Eskalation von Gewalt, sagt Wiesböck. Familien sind unfreiwillig, oft auf begrenztem Raum mehr zusammen.

Medienberichten zufolge stieg die Gewalt in China mit der Corona-Epidemie merklich an. Feng Yuan von der Frauenrechtsorganisation "Weiping" in Peking berichtete BBC beispielsweise von dreimal so vielen Anfragen von Opfern vier Wochen nach der Einführung von Quarantänen. Nach zwei Tagen Selbstisolation ist das in Österreich "noch zu früh, um es zu erheben", heißt es vonseiten der Polizei. Gewaltschutzstellen bereiten sich vor, um Frauen und Kinder weiterhin zu schützen.

Recht bleibt Recht

Die Geschäftsführerin der Wiener Frauenhäuser, Andrea Brem, sagt: "An die Gewalttäter: Das Rechtssystem ist nicht ausgesetzt. Sie kommen nach wie vor ins Gefängnis, wenn sie gewalttätig sind." In einer akuten Situation sollten Frauen aus der Wohnung weglaufen, sich in Sicherheit bringen "zur Polizei am besten", oder - wenn möglich - den Polizeinotruf  133 rufen.

Gerald Hesztera, Mitglied des Einsatzstabs im Innenministerium, bestätigt, dass die Polizei "selbstverständlich weiterhin da ist", auch Gewalttäter weiterhin wie bisher aus den Wohnungen weggewiesen werden. Diese sollten dann eben bei Freunden, nicht ihren Eltern, Unterschlupf suchen, heißt es.

Sabine Matejka, Präsidentin der Österreichischen Richtervereinigung, zählt einstweilige Verfügungen im Gewaltschutz, womit Wegweisungen und Betretungsverbote danach bestätigt und verlängert werden, sowie das Verhängen der Untersuchungshaft zu den "unaufschiebbaren Angelegenheiten", die es weiterhin gibt.

Die Gewaltschutzzentren, die die Polizei bei Wegweisungen informiert, sind telefonisch, für Prozessbegleitung sowie bei Bedarf auch direkt im Beratungseinsatz.

Hilfe gibt es weiterhin

Die Frauenhelpline gegen Gewalt 0800 222 555 ist rund um die Uhr österreichweit erreichbar. Maria Rösslhumer, Leiterin des Vereins Autonome Frauenhäuser, die für das Team verantwortlich ist, versichert, dass die Mitarbeiterinnen aktuell von zu Hause aus telefonieren, "um sich nicht anzustecken" - es gibt den Onlinechat und man arbeite bereits an einer Verstärkung.

Das Aufkommen ist wegen der Frauenmorde seit Anfang des Jahres unverändert hoch, die Fragen aber andere: Wann ist nun der beste Zeitpunkt ins Frauenhaus zu flüchten? Rösslhumer rät, bei Besorgungen außer Haus Telefonate zu führen, den Gewalttäter zum Einkaufen oder zum Laufen raus zu schicken, um Koffer zu packen und diese bei Nachbarn oder Freundinnen zu deponieren.

In den Wiener Frauenhäusern gibt es nach wie vor Platz, mit der Stadt Wien habe sie bereits ein Konzept für weitere Krisenunterkünfte erstellt, sagt Brem. "Wir arbeiten rund um die Uhr, es geht darum, die Häuser zu sichern." Mit neuen Diensträdern arbeite weniger Personal zeitgleich, dafür länger, "damit die Kolleginnen sich nicht gegenseitig anstecken". Auch in Oberösterreich, wo Frauenhäuser bereits zu 100 Prozent ausgelastet sind, habe das Land zugesagt, "sofort und unbürokratisch zu erweitern", sagt Margarethe Rackl, die Leiterin des Linzer Frauenhauses. "Die Frauen werden auch dort telefonisch, wenn notwendig direkt betreut." Darum gehe es in allen Bundesländern, so Rösslhumer.

Psychologin Elke Prochazka hilft Kindern, Jugendlichen und Eltern bei Rat auf Draht unter 147 vorab, damit Stress nicht eskaliert: "Angst ist etwas völlig Normales. Sich Privatsphäre schaffen, leise Musik hören zum Beruhigen, mit dem Hund kuscheln - das kann helfen." Informationen solle man sich bewusst zwei Mal am Tag holen, dazwischen pausieren, denn Dauerinfo verursache Stress. Psychotherapeutin Charlotte Aykler ergänzt: "Diese Zeit kann auch Positives bringen: Mehr Zusammenhalt gegen das Virus, wenn das gemeinsame ‚Wir schaffen das‘ auch danach im Vordergrund bleibt."