Es ist fünf Minuten nach halb zwölf. Das letzte Flugzeug von Wien nach London, das noch nicht abgesagt ist, hebt ab. Es ist Dienstag, der 17. März: Für Flüge von London nach Wien gibt es keine Landeerlaubnis mehr - ein rasches Zurückkommen der Tochter, die dort zwei Semester lang als Erasmus-Austauschstudentin gelebt hat, ist daher unmöglich. Und nachdem das Außenministerium die ursprünglich gezählte Zahl von 30.000 Auslandsösterreichern auf 47.000 erhöht hat und Außenminister Alexander Schallenberg appellierte, sich selbst in die Heimat durchzuschlagen, sitze ich in diesem letzten Flugzeug. Und fühle mich, als wäre es fünf vor zwölf.

Erst jetzt, auf meinem in der Nacht davor hastig gebuchten Sitz in einem Airbus der Austrian Airlines, kann ich ein wenig entspannen. Kurz vor dem Abflug hatte noch eine Durchsage auf dem Flughafen zum Coronavirus, dass durch diesen zahlreiche Flüge ausfallen, die wenigen mit mir Wartenden in eine sekundenlange Schockstarre versetzt. Dann gemeinschaftliches Aufatmen - unser Flug war nicht betroffen. Er ist schlecht gebucht, ganze Reihen sind leer. Mit mir sind hauptsächlich englischsprachige Jugendliche im Flieger. Vermutlich auch Austauschstudenten, denke ich. Nur anders herum.

Reges Treiben, alles geöffnet

Der Flughafen war wie ausgestorben, nahezu menschenleer. Fast nur Polizisten und Mitarbeiter in den Gängen und Wartebereichen - mit Schutzmasken und Handschuhen. Alle Geschäfte und Restaurants: geschlossen. Statt der Dreieckständer mit Menüangeboten warnten Plakate vor dem Coronavirus, forderten dazu auf, mindestens eineinhalb Meter Abstand zu den anderen Passagieren zu halten, und informierten über die Gesundheitshotline (1450). Beim Boarding hörte man immer wieder dieselben Fragen: Welche ist Ihre Enddestination? Warum fliegen Sie?

Am Ziel angekommen, am Flughafen London Heathrow, ist alles anders. Es herrscht reges Treiben, alles ist geöffnet. Menschen stehen in Grüppchen beisammen. Kurz vor der Landung gab es eine Durchsage: Falls Sie nach dem Flug Symptome wie Fieber bemerken, begeben Sie sich für eine Woche in Selbstisolation - aber gehen Sie nicht zum Arzt und rufen Sie nicht den Notdienst an. Angesichts dessen, dass das öffentliche Gesundheitssystem NHS schon jetzt an den Grenzen seiner Belastbarkeit angelangt ist, hätte Großbritannien freilich ein massives Problem, würden sich alle Infizierten behandeln lassen.

In der Londoner U-Bahn, auf dem Weg zur Tochter und ihrem soeben gekauften 500-Pfund-Minivan, hängen vereinzelt Plakate, die daran erinnern, sich häufiger und länger als sonst die Hände zu waschen. Es sind auch auffällig wenige Menschen unterwegs. Ansonsten ist es aber fast so, als hätte man mit London eine andere Welt betreten. Eine Welt ohne Coronavirus, dem Wahnsinn entkommen. Dem ist allerdings nicht so. Mehr als 2000 Menschen gelten als infiziert, Anfang der Woche zählte man 35 Tote. Die britische Regierung forderte zwar auf, auf "nicht zwingende Sozialkontakte" zu verzichten, und auch die Zeitungen sind voll mit Meldungen zum Coronavirus aus aller Welt - Schulen zum Beispiel sollen aber weiterhin geöffnet bleiben. Zahlreiche Eltern lassen ihre Kinder bereits von sich aus zuhause, und viele Unternehmen gestatten es ihren Mitarbeitern, im Homeoffice zu arbeiten.

"Es liegt am Grenzbeamten"

Die Insel grenzt sich vom Rest Europas, wo es wie in Österreich zum Teil strikte Maßnahmen wie Ausgangsbeschränkungen gibt, ab. So ist auch die Fähre, die uns und das 500-Pfund-Auto mitsamt sämtlichen, innerhalb von zwei Semestern angehäuften Habseligkeiten eines Studentinnenzimmers nach Calais in Frankreich bringt, fast leer. Eine weitere Etappe ist geschafft. Wir sind auf dem Festland.

Vor uns liegt eine mit kurzen Pausen 15-stündige Autofahrt, in der alles und nichts passieren kann. Wird an den Grenzen besonders kontrolliert werden? Werden wir uns rechtfertigen müssen, warum wir gerade jetzt durchs Land fahren wollen? Wird die Tatsache, dass wir aus Großbritannien kommen, zum Problem werden? Auf Nachfrage im Außenministerium hieß es, es liege am jeweiligen Grenzbeamten, ob er uns durchlässt oder nicht. Man müsse ihn nur gut überzeugen - zum Beispiel mit einem Schreiben des Ministeriums, dass Österreicher zur Heimreise aufgefordert werden.

Es passiert nichts. Ungewöhnlich nichts. Trotz gefühlt sekündlich und mit wechselnder Hysterie abgerufener Meldungen über neue Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus wie strengere Kontrollen und kilometerlange Staus an der deutschen Grenze müssen wir nirgends anhalten. Je näher wir Österreich kommen, desto mehr Raststätten-Restaurants sind jedoch geschlossen, oder man muss einen Präventionsfragebogen zur Besucherregistrierung ausfüllen.

Es sind kaum Pkw auf den Autobahnen, dafür aber umso mehr Lastautos. Sattelschlepper, die Sattelschlepper überholen. An der deutsch-österreichischen Grenze bei Passau flitzen wir tatsächlich an kilometerlangen Staus vorbei - allerdings in die andere Richtung. Die Deutschen kontrollieren schon, Österreich noch nicht. Am Mittwochnachmittag kommen wir zuhause an. Um Mitternacht führt Österreich an der Grenze zu Deutschland Corona-Grenzkontrollen ein.

Ab Freitag werden nach den Grenzen zu Italien, der Schweiz, Liechtenstein und Deutschland auch die ungarische und slowenische Grenze vorerst bis 7. April kontrolliert. In der Praxis sieht das laut Innenministerium so aus, dass Polizisten jeden Einreisenden aufhalten. Hat man kein ärztliches Zeugnis (molekularbiologisch, nicht älter als vier Tage) mit, wird die Einreise laut Gesundheitsministerium verweigert. Österreichische Staatsbürger und jene mit Haupt- oder Nebenwohnsitz respektive gewöhnlichem Aufenthalt in Österreich können ohne Attest einreisen, "wenn sie unverzüglich eine 14-tägige Heimquarantäne antreten".

Wir haben also bereits die Heimquarantäne über uns verhängt. Wobei uns die Euphorie über unser Heimkommen wie in letzter Minute vermutlich ohnehin diese Zeit erleichtern wird.