Testen, testen, testen lautet das momentane Credo der österreichischen Regierung, wenn es um die Eindämmung der Verbreitung des Coronavirus geht. Schnelltests sollen vermehrt zum Einsatz kommen, und die Test-Kapazitäten auf rund 15.000 pro Tag ausgebaut werden. Die Frage ist allerdings: Was kommt danach? Wenn die Quarantäne-Maßnahmen wieder gelockert werden - läuft man da nicht Gefahr, sofort wieder am Virus zu erkranken, wenn man es nicht an der Wurzel gepackt hat? Also bei jedem Einzelnen, der infiziert ist, rückverfolgt, wo er gewesen ist und mit wem er Kontakt hatte?

Südkorea zum Beispiel führt bei positiv auf das Coronavirus getesteten Personen fast schon minutiös über deren Tagesabläufe Buch und verfolgt akribisch, wo sie sich aufgehalten haben - inklusive, wo und wann sie auf der Toilette waren. In Singapur wurde laut BBC zusätzliches Personal aufgenommen, das telefonisch bei jedem Infizierten dessen Aufenthaltsorte bis mindestens zwei Tage vor Auftreten der Symptome erfragt. Während Singapur auf Selbstisolation (inklusive Beweisfotos von zuhause aus) setzt, kommen in Hongkong bei jedem, der von einem Auslandsaufenthalt zurückgekehrt ist, elektronische Armbänder zum Einsatz, um ihn zu lokalisieren. Singapur setzt zudem auf die App "Trace Together", die via Bluetooth die Distanz zwischen den Nutzern misst. Bei einem Covid-19-Fall werden alle Kontakte von den Behörden informiert.

"Nutzung von Big Data"

Das Österreichische Rote Kreuz hat am Mittwoch ein ähnliches System vorgestellt. Die "Stopp Corona"-App fungiert als Kontakt-Tagebuch, in dem persönliche Begegnungen mit einem "digitalen Handshake" anonymisiert gespeichert werden. Erkrankt eine Person an Covid-19, wird jeder, der in den vergangenen 48 Stunden Kontakt hatte, automatisch benachrichtigt und gebeten, sich selbst zu isolieren.

Auf "testing, testing, testing" könnte also auch in Österreich "tracing, tracing, tracing" folgen. In einem Interview mit dem israelischen Fernsehen erklärte Kanzler Sebastian Kurz, dass die "Nutzung von Big Data" eine Frage sei, "mit der wir uns in Österreich gerade beschäftigen". Bei der Maßnahmen-Lockerung spielten die Erfahrungswerte aus Asien "eine große Rolle".

Im Moment ist es laut Gesundheitsministerium so, dass Mitarbeiter der Gesundheitsämter der Bezirkshauptmannschaften respektive Magistrate bei positiv auf das Coronavirus getesteten Personen nachverfolgen, mit wem diese davor Kontakt hatten und wo sie sich aufgehalten haben. Diese Mitarbeiter hätten bereits das spezielle Know-how, weil bei den zahlreichen meldepflichtigen übertragbaren Krankheiten ebenfalls eine Kontaktpersonen-Nachverfolgung erfolge. Um den wachsenden Arbeitsaufwand aufgrund der Neuinfektionen bewältigen zu können, "werden die Länder entsprechende Vorkehrungen treffen", so das Ministerium.

Vor allem Singapur, Hongkong, Taiwan und auch Südkorea sind jedenfalls herausragende Beispiele, wie die Verbreitung des Virus eingedämmt werden kann. Die Maßnahmen in diesen Ländern wie Ausgangsverbote waren drastisch, die Strafen bei Verstößen auch. Deren Fallzahlen sind mittlerweile gering. Am Donnerstag meldete Taiwan 221 Infizierte, Hongkong 453 und Singapur 631. Die Maßnahmen wurden mittlerweile gelockert.

Das Kopieren dieser Strategien ist aber nicht so einfach. All diese Länder hatten Erfahrungen mit dem Sars-Virus vor 17 Jahren und sind auf die Eindämmung von Epidemien vorbereitet. Das lässt sich in Europa nicht so schnell kompensieren. Ein zweiter Aspekt, der diese Länder von westlichen Gesellschaften unterscheidet, ist die Akzeptanz der Überwachung.

Die in Österreich gesetzten Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung des Coronavirus wie Ausgangsbeschränkungen, Lokal- und Schulschließungen scheinen aber auch ohne hohe Strafen Wirkung zu zeigen: Nach einer Abflachung der Zuwachsraten der bestätigten Fälle Ende der Vorwoche waren diese am Montag zwar wieder gestiegen, im Laufe dieser Woche sind sie allerdings erneut gesunken. Konkret lag sie am Donnerstag um 15 Uhr laut Gesundheitsministerium bei 15 Prozent im 24-Stunden-Vergleich, absolut gab es 6398 Fälle. Anfang der Vorwoche hatte sie noch 35 Prozent betragen.

Ebenfalls in der Vorwoche hatte die Regierung eine Verlängerung der Ausgangsbeschränkungen und Geschäftsschließungen um drei Wochen verkündet, und die Maßnahmen bleiben nun vorerst bis 13. April aufrecht. Aber sind diese prinzipiell ausreichend? Oder sollte man auch in Österreich zu drastischeren Mitteln greifen?

Wie ein nasser Schwamm

Simulationsrechnungen der Technischen Universität (TU) Wien und des TU-Spin-offs dwh zeigen: Eine weitere Einschränkung der Kontakte in Österreich hätte kaum zusätzlichen Nutzen. Den Mathematikern zufolge sind die Maßnahmen also ausreichend. "Man kann sich das vorstellen wie bei einem nassen Schwamm", sagt Niki Popper, Leiter des Forschungsteams. "Je mehr Druck man ausübt, desto mehr Wasser kann man herausdrücken. Aber irgendwann ist der Schwamm komprimiert, und dann hat zusätzlicher Druck kaum noch eine Auswirkung." Die Forscher gehen davon aus, dass bei Beibehaltung der Maßnahmen der Höhepunkt der Krankheitsfälle bald erreicht ist und dann die Fallzahlen zurückgehen.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Falsch wäre es allerdings, zu rasch zum normalen Alltagsleben zurückzukehren. Dann würde sich die Epidemie nämlich erneut ausbreiten, heißt es. Empfohlen wird, in den nächsten Wochen und Monaten die Maßnahmen schrittweise zurückzunehmen. Wie genau, werde derzeit analysiert.

Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH, berichtete am Donnerstag von drei verschiedenen Prognosemodellen, mit denen man in Österreich versuche, die Entwicklung der Krankheitsfälle vorauszusagen. Diese kämen von der TU Wien, der MedUni sowie von Gesundheit Österreich. Für fünf bis zehn Tage könne man die Entwicklung gut voraussagen, danach sei viel offen. Dementsprechend rechne man - bei einer Schwankungsbreite von etwa 15 Prozent - bis 3. April mit 11.000 Fällen, davon 8500 tatsächlich krank und 2500 wieder genesen. Die Spitalskapazitäten seien dafür derzeit gegeben.