Was in fernöstlichen Ländern seit vielen Jahren gang und gäbe ist, wird nun auch in Österreich Einzug halten, nämlich das Tragen von Gesichtsmasken in der Öffentlichkeit. Das hat die Regierung am Montag bekanntgegeben. Es kommt schrittweise, zunächst als Pflicht beim Einkauf im Supermarkt und als Empfehlung darüber hinaus, mittelfristig soll es aber zum Standard im öffentlichen Raum werden und die weitere Ausbreitung des Coronavirus zu unterbinden helfen.

Welchen Nutzen Masken dabei aber tatsächlich stiften, ist nicht unumstritten. Während sich etliche Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus in den unterschiedlichen Ländern ähneln, etwa das Verbot von Veranstaltungen, das Schließen von Schulen und Ausgangsbeschränkungen, gibt es bei der Frage der Verwendung von Masken in der Öffentlichkeit keine Einheitlichkeit. In Asien ist es weit verbreitet, zum Teil auch Pflicht, ebenso in der Slowakei und Tschechien.

In der Slowakei gab es am Montag insgesamt nur rund 350 offiziell gemeldete Covid-Fälle, in Tschechien waren es etwa 3000, jedoch bei ähnlich vielen Tests wie in Österreich. Die Zahl der Infizierten wuchs also nie so schnell wie hierzulande. Noch besser liegen in dieser Hinsicht Hongkong, Südkorea und Singapur, sie werden oftmals als Vorbild genannt.

Dass sich daraus aber automatisch ableitet, dass der Gesichtsschutz der goldene Schlüssel ist, wäre zu kurz gegriffen, wie das in via Internet verbreiteten Grafiken insinuiert wird. Es ist die klassische Frage nach Korrelation und Kausalität. Denn die jeweiligen Länder unterscheiden sich auch in etlichen anderen Punkten, und die fernöstlichen Staaten besonders in der Erfahrung von Menschen und Behörden im Umgang mit Epidemien. Dort wüteten vor Jahren Mers und Sars.

Unbegründet ist die Maßnahme der Regierung allerdings nicht. Es gibt jedoch nur wissenschaftliche Untersuchungen zum Influenzavirus und dem Schutz durch Masken. Demnach halten die normalen Masken 94 Prozent der Viren zurück, wie die Gesellschaft für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (ÖGIT) mit Verweis auf rezente Studien erklärt. Bei Grippe nützen diese Masken als Fremdschutz, also beim Schutz anderer Personen. Da infizierte Personen jedoch oft keine Symptome aufweisen, müssen diese Masken eben von allen getragen werden. Sonst wäre der Nutzen nicht sehr groß.

Laut Cornelia Lass-Flörl vom Institut für Hygiene der Medizin-Uni in Innsbruck kann man diese Erkenntnisse, wenn auch mit einer gewissen Unsicherheit, auf das neuartige und weitgehend unerforschte Coronavirus umlegen. "Ich kann dem theoretisch schon etwas abgewinnen," sagt sie. "Es ist einen Versuch wert."

Die Kehrseite der Maskenpflicht

Das flächendeckende Tragen von Masken kann jedoch auch unerwünschte Nebenwirkungen haben. Auch darauf weist Lass-Flörl hin. Und nicht nur sie. Diese Maßnahme ist deshalb eben umstritten. Denn eine Maskenpflicht könnte einen Mangel im Gesundheitsbereich hervorrufen. Und dann wäre der Schaden der Maßnahme vermutlich größer als der Nutzen. Auch die Hygienikerin sagt: "Bevor die medizinische Maske auf die Straße kommt, muss sie dem Medizin-Personal ausgehändigt werden." Es gibt derzeit Knappheit, vor allem den niedergelassenen Ärzten gehen die Masken aus.

Das ist auch ein Grund, warum die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor der Maßnahme warnt. Wenn sehr viele Länder eine Maskenpflicht verhängen, reichen die Produktionskapazitäten weltweit nicht aus, es käme zu Hamsterkäufen und Problemen im Gesundheitsbereich. Dieser Bereich ist aber essenziell. Der Covid-19-Ausbruch könnte nicht gestoppt werden, so die WHO, wenn man nicht das Spitalspersonal beschütze.

Eine Option wären Stoffmasken. Sie können gewaschen und wiederverwendet werden. Auch sie bieten Schutz für andere, wenn auch etwas weniger. Hygienikerin Lass-Flörl plädiert dafür. Das wäre allerdings deutlich schwieriger als Pflicht umzusetzen, wie es die Regierung plant.

Ein weiteres Problem bei einem flächendeckenden Einsatz von Masken im öffentlichen Raum ist, dass die sachgemäße Handhabung ganz zentral ist. Man kann vieles falsch machen, das dann zu einer Eigengefährdung führt. Deshalb gibt es Hygieniker, die den potenziellen Schaden über den möglichen Nutzen stellen.

Zum einen reduziert sich der Schutz, wenn die Maske nicht eng anliegt. Doch gerade, wenn sie das tut, schwitzt man, es juckt und man fährt sich mit der Hand ins Gesicht. Medizinisches Personal ist geschult und gewöhnt daran, genau dies nicht zu tun. Die breite Bevölkerung, die vielerorts nun erstmals mit diesen Masken in Berührung kommt, ist dahingehend ungeübt.

Die Untersuchungen, wonach 94 Prozent des Grippevirus aufgehalten werden, wurden zudem unter Laborbedingungen vorgenommen. Nicht geprüft wurde, wie sich Menschen im Alltag mit diesen Masken verhalten. Ob sie diese korrekt anwenden, sich nicht ins Gesicht greifen, sie fachgerecht entsorgen und sich auch nicht in falscher Sicherheit wiegen. Auch das wäre ein Problem, wenn die Menschen den Sicherheitsabstand von ein bis zwei Metern nicht mehr einhalten würden. Für den Beitrag dieser Maßnahme zur Bekämpfung der Epidemie sind diese Fragen aber ganz zentral. In Asien ist das Tragen von Masken Gewohnheit, die Handhabung eingelernt. Das ist in Zeiten der Pandemie ein unschätzbarer Vorteil.

Die Menschen in Österreich müssen nun während der Pandemie diesen Umgang erlernen. Das könnte vor allem in einigen Wochen dann wichtig sein, wenn sich das öffentliche Leben wieder etwas normalisiert wie in Asien. Wenn es dann schon zur Gewohnheit geworden ist, im öffentlichen Raum, auf der Straße, im Supermarkt und in öffentlichen Verkehrsmitteln eine Maske zu tragen, dann könnte sich die Ausbreitung nicht nur weiter verlangsamen, sondern auch das Tracing, also das Rückverfolgen der Infektionskette wäre einfacher, wenn die Wahrscheinlichkeit von Infektionen von Fremden im öffentlichen Raum sehr niedrig ist.