Die Patientin hatte bereits eine Woche lang Zahnschmerzen. Ursache war eine stark entzündete Zahnwurzel unter einer Krone. Corona-Shutdown-bedingt begann für sie ein zusätzlicher Leidensweg - auf der Suche nach zahnärztlicher Behandlung. Beim Anruf "ihres" Zahnarztes erfuhr sie - obwohl laut Homepage für Notfälle offen - "mit Bedauern" von der Schließung der Praxis. Von anderen Zahnärzten wurde sie wieder an "ihren" verwiesen, Kronen anderer würde man nicht angreifen. In einem Zahnambulatorium wurde sie mit Antibiotika und Schmerzmitteln nach Hause geschickt. "Auf meine Bitte, den Zahn einfach zu ziehen, weil ich die Schmerzen kaum mehr aushielt, wurde mir gesagt, das sei einfach zu gefährlich in diesen Zeiten."

Schreiben wie dieses sind für die Patientenanwaltschaft in diesen Zeiten kein Einzelfall. Was also tun, wenn in Corona-Zeiten Zahnschmerzen plagen?

Verbaler Schlagabtausch

Die Patientenanwälte Sigrid Pilz und Gerald Bachinger wandten sich deshalb per Brief an Zahnärzte- und Ärztekammer. Das führte zu einem verbalen Schlagabtausch. Für die Patientenanwaltschaft sei es zwar "nachvollziehbar", dass das Gesundheitspersonal "auf dem derzeit eine große Verantwortung liegt und das selbst risikoexponiert ist, bestmöglich geschützt werden muss". Das müsse aber mit "dem Versorgungsauftrag" in Übereinstimmung gebracht werden. Die steigende Zahl von Beschwerden sei inakzeptabel. Man möge "rasch lenkende und steuernde Maßnahmen zur Entspannung der Situation" initiieren".

Das ließ der Ärztekammer das sprichwörtliche Geimpfte aufgehen. Sie sprach von einer "Kampagne" gegen Ärzte, das seien "unberechtigte und rechtlich unhaltbare Angriffe": "In dieser mehr als angespannten Situation zeichnen Sie sich ausschließlich dadurch aus, die Arbeit der Ärztinnen und Ärzte in ein negatives Licht zu rücken!"

Konstruktiver klang die Antwort der Zahnärztekammer: Sie verwies auf sich laufend ändernde Informationen, wenig wissenschaftliche Empirie zu den erhöhten Ansteckungsrisiken, die schwierige Beschaffung von Hygienemitteln, um letztlich aber auch klarzustellen, dass man sich statt Forderungen Unterstützung dabei wünsche, die Versorgung aufrechterhalten zu können. "Die kam bis heute nicht", sagt Claudius Ratschew, Sprecher der österreichischen Zahnärztekammern und Präsident der Wiener Kammer.

Unübersichtliche Praxensuche

Der Versuch, sich online einen Überblick über offene Zahnarztpraxen zu verschaffen, scheitert kläglich. Die Zahnärztekammer-Homepage bietet zwar die "normalen" Kontakte der Ärzte jedes Bundeslandes als auch der nächtlichen und Wochenendnotdienste. Während Tirol aber gerade eine Liste mit tatsächlich offenen Praxen im Bundesland erarbeitet, heißt es in anderen: Online-Liste oder "Telefonbuch schnappen und durchtelefonieren", sagt Ratschew. Einen tagesaktuellen Überblick über offen Praxen könne man bei 950 in Wien nicht bieten.

Ratschew ist sich der für Patienten unübersichtlichen Situation bewusst; ärgert sich aber auch über "Dramatisierungen": "Von Versorgungsengpässen zu reden, ist völliger Blödsinn." Die Patientenanliegen schwankten zwischen dem Wunsch, die Kammer möge Zahnärzte vermitteln, bis hin zur Aufforderung, alle Praxen zu schließen. Aus seiner eigenen Praxis weiß er, dass das Aufkommen aktuell sehr gering ist. Die Assistentinnen müssten sich "mangels Patienten zu 80 bis 90 Prozent der Zeit mit Lesen, Stricken und Netflix-Schauen beschäftigen".

Der Präsident der Österreichischen Zahnärztekammern, Thomas Horejs, gibt zu bedenken, dass vielen Praxen "fast vollständig die Einnahmen wegbrechen" und damit die zahnärztliche Infrastruktur in Gefahr gerate. Die Regierung möge deshalb wie in Deutschland und anderen Unternehmen in Österreich Verluste der zahnärztlichen Ordinationen ausgleichen. Aus dem Wirtschaftsministerium heißt es dazu: "Zahnärzte sind berechtigt, Geld aus dem Fonds zu beantragen. Es gelten die gleichen Kriterien wie bei anderen Unternehmen, die überprüft werden."

Schutz bei Behandlungen

Und da gibt es ja auch noch Ängste wegen der möglichen Ansteckungsgefahr über Aerosole, dem Sprühnebel, der bei Behandlungen entstehen kann. Im Covid-19-Steckbrief des deutschen Robert-Koch-Instituts vom 23. März heißt es zugleich: "Ein Hochrisikosetting sind Aerosol-produzierende Vorgänge, wie die Bronchoskopie oder zahnärztliche Prozeduren"; aber auch, dass es für "Aerosol" noch "keine Evidenz" gebe, was die Ansteckung betrifft. Die Empfehlung der Tiroler lautet, "derzeit nur dringliche und unaufschiebbare Behandlungen durchzuführen", sagt Paul Hougnon, der Präsident der Tiroler Kammer.

Die Niederösterreicher empfehlen zudem adäquate Schutzausrüstung sowie "die besonders strikte Beachtung der Hygienemaßnahmen". Ratschew versichert Hygiene auf "höchstem Niveau. Seit wir von HIV-Infektionen wissen, wird jeder so behandelt, als wäre er ein Infektionspatient." Manches, wie Abdrücke für Prothesen oder Wurzelbehandlungen, beschreibt er als wenig gefährlich. Jedenfalls aber minimiere man Aerosole, "indem man beim Bohren langsamer rotierende Schleifkörper verwendet, was für größere Tröpfchen sorgt, die man leichter absaugen kann". FFP3-Masken sind am Markt kaum zu erhalten. In Wien habe man am Montag je zehn an die Ordinationen verteilt. Eine Lieferung mit Masken, auch für Zahnärzte, sei diese Woche angekündigt.

Zum Schutz aller können aber auch Patienten beitragen: Telefonisch Termin vereinbaren. Pünktlich und alleine in die Praxis gehen. Abstand von anderen Patienten halten. Und: Keinesfalls mit Covid-19-Symptomen zum Zahnarzt gehen, sondern das Gesundheitstelefon 1450 wählen. Man erhalte aber auch dann die notwendige Behandlung, versichert Hougnon: "Patienten mit Symptomen und akuten Schmerzen sollten sich direkt an die Zahnklinik Innsbruck wenden."