Patientenanwalt Gerald Bachinger weiß seit dem Corona-Shutdown von einer neuen Art von Beschwerde zu berichten. Und zwar, dass "ihr" Haus- oder Facharzt, "insbesondere Wahlärzte, zum kleineren Teil auch Kassenärzte, nicht erreichbar sind oder Praxen geschlossen sind". Tatsächlich zeigt sich beim Monitoring der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) bei rund 8100 Kassenärzten von insgesamt 18.700 Ärzten mit einer Ordination, dass im Durchschnitt 18 bis 20 Prozent weniger tätig sind als vor der Corona-Krise. Sie haben weder E-Card des Patienten noch die eigene O-Card gesteckt. Sie haben also weder telefonisch noch in der Praxis ordiniert.

Wobei es laut ÖGK große Unterschiede zwischen den Fachrichtungen gibt: Während rund 40 der Zahnärzte geschlossen haben, sind es bei allgemeinmedizinischen Praxen mit Kassenvertrag nur ein bis zwei Prozent. "Manche Ärzte, weil sie sich in Quarantäne befinden, andere, weil sie selbst erkrankt sind, nicht unbedingt an Covid-19, manche der Älteren möglicherweise auch aus Vorsicht", erläutert Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres. Versorgungsengpässe gebe es jedenfalls nicht.

Auch Silvia Türk, die für das Gesundheitssystem verantwortliche Sektionsleiterin im Ministerium, zeigt sich nicht besorgt: "Die Ärzte mit Kassenverträgen kommen ihrem Auftrag nach, die Situation ist im Moment mit jener in Urlaubszeiten vergleichbar. Da muss man den Ärzten auch großen Dank aussprechen." Sollte sich das wegen Covid-Erkrankungen ändern, sei die Sonderfachbeschränkung bereits durch das erste Covid-Gesetz gelockert worden: "Jeder Arzt darf das tun, was ihm gelehrt wurde und er wirklich kann." Wer das Wissen aus dem Allgemeinmediziner-Turnus parat habe, jedenfalls.

Manche Ärzte sind in wirtschaftlicher Bedrängnis

Danksagungen reichen vielen Ärzten aber nicht aus. Christoph Dachs, selbst Allgemeinmediziner in Hallein und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, spricht im Moment von rund einem Drittel der Patienten als sonst und damit weniger Einnahmen. Für ihn selbst sei das nicht bedrohlich, er sagt sogar: "Wir haben im Unterschied zur Gastronomie das Glück, weiter arbeiten zu können. In einer solidarischen Gesellschaft muss ich auch auf finanziellem Weg einen Beitrag leisten." Jüngeren Kollegen, die ihre Praxis oft mit Schulden gerade aufbauen, müsse aber geholfen werden.

Weniger gelassen ist die Österreichische Gesellschaft für Medizinrecht, sie schreibt in einem Positionspapier davon, dass "Vertragsärzte momentan finanziell im Regen stehen gelassen" würden. Der Bund möge überlegen, Vertragsärzte anzustellen, um sie etwa in Spitälern einzusetzen. Den Vorschlag kann Türk nicht nachvollziehen, "Krankenhäuser haben eigene Träger".

Laut Wirtschaftsministerium gelten alle Hilfsmaßnahmen für Unternehmen auch für niedergelassene Ärzte. "Man soll uns dabei nur nicht vergessen", sagt Szekeres. Er wünscht sich die Auszahlung des Vorjahreshonorars durch die Kassen. Maria Hofmarcher, Expertin für das Gesundheitssystem, erachtet sogar einen mit zwei bis drei Milliarden Euro dotierten Schutzschirm für Ärzte wegen der Mehrarbeit und Mehrausgaben für Schutzausrüstung für erstrebenswert. In der ÖGK hat man solche Wünsche zwar vernommen, es werde über die Abgeltung von extra Leistungen jetzt in der Krise diskutiert, das Ergebnis sei aber offen.

Klar ist, dass die Versorgung mit Schutzmaterialien auch den niedergelassenen Ärzten Probleme bereitet. In Salzburg sei sie vergleichsweise gut, sagt Dachs, "da hat uns auch ein Aufruf zum Maskenspenden geholfen", zum Beispiel von Lackierern. "In Kärnten aber schaut es ganz anders aus", weiß Dachs zu berichten. Türk versichert jedenfalls, "dass im Moment wieder genug für alle da sind". Sie werden bereits je nach Bundesland über die Rot-Kreuz-Stellen, die Ärztekammern oder die Sozialversicherung verteilt.

Niedergelassene Mediziner
in der Krise stärken

"Das primäre Problem ist weniger das finanzielle Überleben der Ärzte", sagt dagegen IHS-Gesundheitsökonom Thomas Czypionka. Da gebe es die Wirtschaftshilfe wie für andere. Die ÖGK bezahle für Telekonsultationen den vollen Tarif, auch für das Ausstellen von elektronischen Rezepten.

"Im Moment schaut die Politik zu sehr auf den stationären Bereich, insbesondere die Intensivmedizin, und Covid-19-Fälle, zu wenig auf mögliche Kollateralschäden bei chronisch Erkrankten." Bei der Versorgung von rund 1,5 Millionen Menschen mit Bluthochdruck, rund 340.000 Diabetikern und 300.000 mit Lungenerkrankungen käme dem niedergelassenen Bereich sowie dem Pflegebereich eine enorm wichtige Rolle zu. "Viele davon brauchen regelmäßige Kontrollen ihrer Medikation." Ein gut funktionierender niedergelassener Bereich entlastet die Spitäler: "Jeder Lungenerkrankte, der jetzt nicht zur Beatmung ins Spital muss, sorgt dort für ein freies Bett und Ärzte, die sich Covid-19-Erkrankte kümmern können."

Das zweite Problem sei der Umgang mit potenziellen und tatsächlich Infizierten selbst. Da brauche es ein einheitliches, schlüssiges Konzept für Arzt und Hausbesuche, "Best Pratice und Guidelines für den Patientenkontakt". Was zum Beispiel zu tun ist, wenn jemand in Quarantäne einen Herzinfarkt erleidet. Czypionka wünscht sich auch Testvorgaben: "In manchen Regionen darf man nur bei Symptomen testen, in anderen nur, wer in Risikoregionen war."