Es scheint geradezu rätselhaft: Seit das Coronavirus aufgetaucht ist, geht die Zahl der Herzinfarkte zurück. Und zwar weltweit. In Österreich wurde im März in den Spitälern ein Rückgang um 40 Prozent verzeichnet, wie die Österreichische Kardiologische Gesellschaft (ÖKG) bekanntgab. Diese Daten wurden in 17 Herzkatheter-Zentren unter Berücksichtigung von etwa 700 Erkrankten ermittelt.

Auch in Spanien ging die Zahl der Infarkte um 40 Prozent zurück, in der schwer vom Virus betroffenen Lombardei wurde sogar ein Rückgang um 70 Prozent beobachtet, wie in einem Artikel der Online-Publikation der Cardiovascular Research Foundation "TCTMD" zu entnehmen ist.

Nicht von überall gibt es genaue Daten dazu, die Beobachtungen der Mediziner gleichen sich. In dem Artikel wird zum Beispiel Jason Wasfy, ein Arzt in einem Spital in Boston zitiert: "Ich bin seit sieben Jahren Kardiologe in dem Spital und war davor sechs Jahre in Ausbildung dort. In diesen 13 Jahren habe ich keine Woche ohne klassischen Herzinfarkt erlebt." Jetzt schon. Neurologen haben ähnliche Beobachtungen bei Schlaganfällen gemacht.

Die Frage ist, warum? Normalerweise müsste die Zahl der Herzinfarkte eigentlich zunehmen, wie auch Bernhard Metzler, Generalsekretär der ÖKG, sagt. Denn Covid belastet auch den Herzmuskel, das hätten Studien bereits gezeigt. Der Rückgang sei aus "pathophysiologischer Sicht nicht erklärbar, vielmehr wäre sogar ein Anstieg zu erwarten".

Angst vor Ansteckung

Melzer äußert, wie auch die von TCTMD befragten Kardiologen, den Verdacht, dass Herzinfarkt-Patienten aus Angst, sich in einem Spital mit dem Coronavirus zu infizieren, unbehandelt bleiben. Das ist, zum gegenwärtigen Zeitpunkt, nur eine Vermutung. Aber eine mit potenziell sehr negativen Auswirkungen. Bei behandelten Herzinfarkten würden durchschnittlich 90 Prozent unmittelbar überleben, 10 Prozent der Patienten sterben in wenigen Wochen, erklärt Metzler. Ohne Behandlung würde die Mortalität mehrfach so hoch sein.

Für große Aufmerksamkeit hat auch jüngst eine erste Auswertung der Sterbetafel in der Provinz Bergamo gezeigt. Im vergangenen März sind in dieser Region mit der gleichnamigen Stadt 5400 Menschen gestorben. Im März 2019 waren es nur 900. Das ist eine bemerkenswerte Übersterblichkeit. An Covid-19 sind nach offiziellen Angaben etwa 2000 Personen gestorben. Die große Differenz könnte zwar auch durch unentdeckte Covid-Erkrankungen zu erklären sein, aber eventuell auch durch nicht behandelte andere Erkrankungen.

Es gibt auch andere Vermutungen, warum die Zahl der Infarkte sinkt: Weniger Rauchen, weniger Stress, Metzler führt auch weniger körperliche Belastung durch Sport an. Das alles sind aber nur Spekulationen. Der Kardiologe appelliert jedoch, Brustschmerzen jedenfalls ernst zu nehmen und abklären zu lassen.