Die Corona-Krise hat nicht nur gesundheitliche Folgen für Covid-19-Erkrankte. Sie betrifft auch zahlreiche Menschen, die gar nicht mit dem Virus in Kontakt kamen. Seit die Pandemie sich in Österreich verfestigte, verschieben Krankenhäuser "medizinisch nicht notwendige Operationen", um Ressourcen für Corona-Erkrankte freizuhalten. Eine belastende Situation für viele Patientinnen und Patienten, deren geplante OPs auf unbestimmte Zeit vertagt wurden - nicht zuletzt psychisch. Trotz der aktuell relativ guten Entwicklung der Corona-Zahlen sind konkrete Fahrpläne für eine schrittweise Öffnung der Operationssäle bislang noch nicht vorhanden.

Ein genauer Zeitrahmen wäre ein Blick in die Glaskugel, heißt es aus dem besonders betroffenen Bundesland Tirol. Aktuell werden Pläne ausgearbeitet, wie die Versorgung schrittweise wieder hochgefahren werden kann, sagt Johannes Schwamberger von den Tiroler Kliniken zur "Wiener Zeitung". Die Vorab-Pläne seien entscheidend. Denn auch wenn Intensivkapazitäten nicht mehr für Covid-19-Erkrankte reserviert sind, kann nicht sofort wieder regulär operiert werden. "Sonst sind die OP-Säle sofort wieder voll", sagt Schwamberger. Wann entsprechende Pläne wirksam werden könnten, ist noch offen.

Entscheidung von Fall zu Fall

Ein kleines Stück weiter ist man im Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV). Hier arbeitet man bereits an konkreten Plänen, die verschobenen Operationen abzuarbeiten. Obgleich ein genauer Zeitrahmen noch nicht steht, ist eine Bekanntgabe nach dem Osterwochenende geplant. In den vergangenen drei Tagen habe es in den Wiener Krankenhäusern eine leichte Stabilisierung der Auslastung speziell im Nicht-Intensiv-Bereich gegeben, sagt Markus Pederiva vom KAV. Über das Osterwochenende müsse aber beobachtet werden, ob sich der positive Trend bestätige. "Eine genaue Planung, um nicht zu früh wieder hochzufahren", sei entscheidend, betont auch Pederiva.

Die Entscheidung, welche medizinischen Eingriffe aufschiebbar sind, treffen die Ärzte der jeweiligen Kliniken bis dato im Einzelfall. Lebensnotwendige Operationen werden natürlich durchgeführt, ebenso wie zeitlich kritische Eingriffe. "Die meisten Tumor-Operationen kann man nicht aufschieben", sagt Schwamberger. In vielen Bereichen bleibt die Entscheidung für oder gegen einen Eingriff eine nicht ganz einfache Abwägung. Ob ein Hüft- oder Knieimplantat derzeit eingesetzt werden kann, muss anhand der konkreten Rahmenbedingungen entschieden werden. Beide Fälle sind nicht lebensbedrohlich. "Aber natürlich kann ein Patient starke Schmerzen haben", sagt Schwamberger.

"Wir bekommen aktuell enorm viel Anfragen von Patienten", sagt Gerald Bachinger, niederösterreichischer Patientenanwalt. Das Verständnis, dass durch Covid-19 OPs nicht wie geplant ausgeführt werden könnten, sei zwar groß. "Aber was Patienten sehr verunsichert, ist, dass es keine konkrete zeitliche Perspektive gibt." Umso gravierender sei das, weil es schon vor Corona einen Rückstand bei Operationen gegeben habe - mit entsprechenden Wartezeiten. Bei der nun verschärften Abarbeitung könne jedenfalls ein Vorgehen nach dem Motto "first come, first served" nicht der richtige Weg sein, sagt Bachinger. Vielmehr brauche es weiter eine medizinische Abschätzung nach mehreren Faktoren im Einzelfall.

Big Data als Hilfsmittel

Im medizinischen Bereich hält der Patientenanwalt zudem "Big Data"-Auswertungen für sinnvoll, für die es laut einer aktuellen Umfrage auch hohe Zustimmungswerte in der Bevölkerung gibt. Um Arbeitspakete schnell abzuarbeiten, könnten maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz sehr hilfreich sein. "Um die Krankengeschichten durchzuarbeiten, muss man nicht unbedingt einen Menschen hinsetzen", sagt Bachinger. Statt Interviews mit Patienten durchzuführen, könnten in vielen Fällen Algorithmen die Einordnung medizinischer Prioritäten in einem Bruchteil der Zeit bewerkstelligen.

Bereiche, in denen sich Patientinnen und Patienten gehäuft an ihn wenden, kann Bachinger nicht feststellen. Von Augen- und Hüftoperationen bis zu diagnostischen Eingriffen bei Krebserkrankungen gehe das Spektrum quer durch alle Fachbereiche.

Trotz des Wissens, dass Kapazitäten aktuell sehr dringend gebraucht werden, um Akutfälle abzuarbeiten, wünscht sich der Patientenanwalt möglichst leicht objektivierbare Kriterien für unbestimmte Begriffe: Was "akut", was "dringlich", was "lebensgefährlich" ist, sei für Patienten nicht transparent genug.

Eine Ausnahme sieht Bachinger bei Geburten, wo es konkrete Empfehlungen für den Zeitraum vor, während und nach der Geburt gibt. Gäbe es für andere Bereiche ähnlich nachvollziehbare Kriterien, würde das der grassierenden Beunruhigung deutlich entgegenwirken, meint Bachinger.