Der über 50-jährige Mann in Jeansjacke sitzt in der Straßenbahnlinie 43 zwei Sitzreihen vor einer etwa gleichaltrigen Frau. Er trägt einen Mundschutz, obwohl die Maskenpflicht erst ab null Uhr in der Nacht auf Dienstag gilt. "Bitte Mund und Nase bedecken" steht auf dem Piktogramm auf der Tür.

Noch vorige Woche hatte die Regierung die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln für den Ostermontag angekündigt. Nun spricht man im Gesundheitsministerium von einem "Missverständnis". Die Verordnung schreibt die Maskenpflicht "mit Ablauf des 13. April" vor. Sie erfolgt im Gegenzug zur Wiedereröffnung von Geschäften bis 400 Quadratmetern Fläche sowie von Bau- und Gartenmärkten ab dem morgigen Dienstag. Die "Phase der gesicherten Teilöffnung" nennt Anschober diese zweite Etappe zur Bewältigung der Corona-Krise.

Masken selbst mitbringen

Reisende in ÖBB-Zügen und Postbussen müssen Schutzmasken selbst mitbringen. "Verteilaktionen auf den Bahnhöfen gibt es nicht", sagt ÖBB-Sprecher Robert Lechner. Dies sei bei etwa 1100 größeren Bahnhöfen und 20.000 Haltestellen der Postbusse nicht möglich. Auch Tücher oder Schals seien zulässig, sagt er.

Die ÖBB-Mitarbeiter werden das Ignorieren der Maskenpflicht "nicht tolerieren", weil man die Maßnahmen der Regierung voll unterstütze. Gröbere Probleme erwartet man aber nicht. Sollte eine Situation dennoch eskalieren und Aufforderungen, sich an die Vorschrift zu halten, nichts fruchten, werde man die Exekutive rufen.

Die Regierung appelliert erneut an die Bevölkerung, die Lockerung der Corona-Beschränkungen "maßvoll und verantwortungsvoll" vorzunehmen, wie Anschober betonte. Das bedeute vor allem das Tragen von Schutzmasken in Geschäften und Einhalten des Sicherheitsabstandes. Denn die zweite Etappe werde seiner Ansicht nach "schwieriger" als die zurückliegende seit Mitte März. Sie wirkte, die Anzahl der von Covid-19 Genesenen war zuletzt größer als jene der Neuinfizierten.

Bis Mai auf Friseure warten

Noch prangt der handgeschriebene Zettel auf der Glasscheibe der Boutique in der Hernalser Hauptstraße neben den beiden königsblauen Kleidern und dem geblümten Kostüm für Damen im Schaufenster. "Kauf möglich - nur nach telefonischer Vereinbarung", ist da für potenzielle Kundinnen zu lesen.

Ein paar Meter weiter hängt seit 14. März die Nachricht eines kleinen Friseursalons: "Hoffentlich können wir in Kürze wieder zur Normalität zurückkehren und sehen Sie bald wieder." Im Gegensatz zum Modegeschäft wird diese Rückkehr zur Normalität nach dem Zeitplan der Regierung noch bis 2. Mai auf sich warten lassen. Vermutlich erst ab Mitte Mai wird das leicht schäbige Vorstadt-Beisl mit verstaubtem Fenster an der Ecke wieder Kunden mit Alkohol-Sonderangeboten in seine Innenräume locken. Der Aushang zur Einhaltung des seit 1. November des Vorjahres geltenden Rauchverbots im Lokal wirkt seltsam aus der Zeit gefallen. Ein "Lercherlschas", würden Bewohner jenseits des Gürtels zu den Sorgen der Wirte vor einem halben Jahr im Vergleich zu den Folgen der Corona-Krise sagen.

Aufrufe an Pensionisten

Der Baumarkt eine Querstraße weiter ist schon gerüstet für die "Wiedereröffnung am 14. April". Die Kunden werden zur Einhaltung des Mindestabstandes von 1,5 Metern gemahnt und dass aufgrund der Situation weniger Personal zur Beratung zur Verfügung steht. Eine schlüssige Erklärung, auch wenn mancher Kunde schon früher in Baumärkten vergeblich nach kundigem Beraterpersonal Ausschau gehalten hat.

Politiker und Seniorenvertreter hat im Vorfeld die Sorge über einen Ansturm speziell älterer Menschen geplagt. Die Chance, auf Balkon oder Terrasse frisches Grün zu pflanzen, ist verlockend. Der SPÖ-Pensionistenverband hat seinen Mitgliedern daher eindringlich davon abgeraten, am ersten Öffnungstag wie viele andere Heimwerker und Hobbygärtner Bau- und Gartenmärkte zu stürmen.