Die Forderung kommt immer wieder. Zuletzt war sie erneut von Ex-Gesundheitsministerin und SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner zu hören: Spitäler sollten in Beatmungsgeräte und weitere Reserve-Kapazitäten im Intensivbereich investieren, um für eine zweite Covid-19-Welle gewappnet zu sein. Sämtliche Corona-Maßnahmen - vom Schließen von Schulen, Gastronomie und Geschäften bis zu den Ausgangsbeschränkungen und Besuchsverboten in Pflege- und Behinderteneinrichtungen - hatten laut Bundesregierung einen einzigen Zweck: die Abflachung der Ansteckungskurve, um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Da drängt sich die Frage auf: Könnte eine Investition in zusätzliche Intensivbetten mit Beatmungsgeräten der Schlüssel sein, um die Maßnahmen schneller weiter lockern zu können?

Nein, sagt Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer zur "Wiener Zeitung", denn dafür sei derzeit keine Anschaffung weiterer Atemgeräte nötig - obwohl ebendiese die "kritische Infrastruktur" zur Behandlung von Covid-Patienten bilden. "Wir haben aktuell mehr als genug Geräte", sagt Pichlbauer. Was die bisherige Auslastung betrifft, sprechen die offiziellen Zahlen des Gesundheitsministeriums tatsächlich eine klare Sprache: Demnach sind aktuell 227 Intensivbetten mit Covid-Erkrankten belegt und 968 für Covid-Patienten verfügbar. Über den gesamten April bewegten sich die Zahlen in ähnlichen Gefilden, die Auslastung lag immer nur um die 20 Prozent. Wie viele der 227 Covid-Erkrankten in Intensivbehandlung aktuell auch beatmet werden, geht aus den Zahlen des Ministeriums indessen nicht hervor.

Nur bei schwedischem Modell wären mehr Geräte nötig

Vom befürchteten Erreichen der Kapazitätsgrenzen ist nach der Entwicklung der Corona-Zahlen nach jedenfalls laut aktuellem Stand weit entfernt. "Wenn jetzt die Anschaffung weiterer Beatmungsgeräte gefordert wird, dann frage ich mich, in welchem Zusammenhang", sagt Pichlbauer. Nicht nur seien die Intensivkapazitäten unterausgelastet. Man sei bisher auch nie annähernd in die Nähe der Überlastungsgrenze gekommen. Für den Gesundheitsökonomen hätte es demnach nur in einem einzigen Szenario Sinn, weitere Beatmungsmasken zu kaufen: Wenn die Regierung auf eine Strategie umschwenken würde, die dem schwer umstrittenen schwedischen Modell ähnelt. Verkürzt gesagt: Wirtschaft, Handel, Bildungseinrichtungen weitgehend öffnen und auf dem Weg zur Herdenimmunität deutlich höhere Ansteckungsraten in Kauf nehmen. Das allerdings schließt die Bundesregierung aus.

Das grundsätzliche Ziel der Regierungs-Maßnahmen liegt bekanntlich darin, mit Kontaktbeschränkungen zu verhindern, dass zu viele Menschen gleichzeitig an Covid-19 erkranken - und dann manche von ihnen sterben müssten, weil sie aufgrund mangelnder Kapazitäten nicht mehr intensivmedizinisch behandelt werden könnten. "Die Seuche ist in der Welt", sagt Pichlbauer. "Wir können nicht verhindern, dass Menschen sterben. Wir können nur verhindern, dass sie sterben, weil sie nicht mehr beatmet werden können."

"Die aktuelle Diskussion um Beatmungsgeräte zeigt ein ethisches Dilemma auf, das wir bisher zugedeckt haben", sagt Christoph Badelt, Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) zur "Wiener Zeitung". "Vereinfacht gesagt: Wir können weiträumig aufsperren, wenn wir mehr Erkrankte in Kauf nehmen." Aufgrund der sich positiv entwickelnden Covid-Zahlen geht es bei ethischen Abwägungen demnach nicht mehr ausschließlich um das Retten von Leben. Sondern auch um die Frage, ob prinzipiell mehr Erkrankte vertretbar sind. Das befördert die Diskussion über wirtschaftliche Lockerungen.

Kollateralschäden durch Shutdown

Denn der Lockdown führt in jedem Fall zu erheblichen Kollateralschäden. Abseits von den hunderttausenden neuen Arbeitslosen, insolventen Betrieben und existenzbedrohten Ein-Personen-Unternehmen zieht er auch so vielschichtige wie langfristige Folgekosten nach sich. Denn größere ökonomische Krisen haben die Tendenz, zu gesellschaftlichen Krisen zu werden. Zunehmende (häusliche) Gewalt, Anstieg psychischer Erkrankungen und diverse weitere gesundheitliche Folgen auch abseits des Coronavirus, nicht zuletzt bei Kindern, sind nur einige häufige Symptome davon. "Man muss hier immer mit Wahrscheinlichkeiten und Prognosen argumentieren", sagt Badelt, was die Abwägung stets heikel mache.

Gesundheitsökonom Pichlbauer plädiert zwar klar für eine Lockerung der Maßnahmen, "das aber mit epidemiologischem Hausverstand". Die Schwierigkeit bei der weiteren Öffnung sei, dass man hierzulande nicht über ausreichende epidemiologische Prognosen verfüge, um Tempo und Ausmaß für eine Rücknahme der Maßnahmen solide einschätzen zu können. Denn hohe Ausgaben für die Epidemiologie sind abseits von Krisenzeiten unpopulär. Gefördert wird vor allem evidenzbasierte medizinische Forschung. Gerade bei Epidemiologen, die theoretische Modelle berechnen, wird abseits von Pandemien häufig Sparpotenzial gesehen. "Das ist wie bei der Flughafenfeuerwehr", sagt Pichlbauer. "Die fährt allerhöchstens jedes zweite Jahr einmal aus. Aber dann brauchen wir sie dringend."