Das Ziel des Homeschoolings war ein gesundheitliches, keines in der Bildung. Dieses Ziel wurde erreicht: Die Anzahl an Personen, die sich an einem Tag mit dem Coronavirus neu infizierten, sank von 277 am 16. März, dem Tag der Schulschließungen – nach einem Höhepunkt am 26. März mit 972 getesteten Neuinfizierten – auf nunmehr 44 am 23. April. Nun gelte es laut Bildungspsychologin Christiane Spiel von der Universität Wien auch die "Nebeneffekte" des Unterrichts zu Hause anstatt in der Schule näher zu beleuchten.

Einen solchen Nebeneffekt, und zwar die Auswirkungen von Schulschließungen und Unterricht zu Hause auf das Lernen und den Lernerfolg der Schüler haben Spiel und ihre Kollegen Marko Lüftenegger sowie Barbara Schober seit Beginn der Krise untersucht. Spiel präsentiert bei der Pressekonferenz mit Bildungsminister Heinz Faßmann erste Ergebnisse der Studie mit rund 8350 Schülerinnen und Schüler im Alter von zehn bis 19 Jahren: "Die Bildungsschere dürfte in den vergangenen Wochen ordentlich aufgegangen sein".

Ein Prozent lernte weniger als eine Stunde pro Tag – oder gar nichts

Durchschnittlich arbeiteten die Schülerinnen und Schüler fünf Stunden pro Tag für die Schule. Aber: "Wir haben knapp ein Prozent, das weniger als eine Stunde pro Tag arbeitet - vielleicht auch gar nichts", sagt die Schulpsychologin. Auf die Schülerpopulation der Zehn- bis 19-Jährigen hochgerechnet, seien das über 6900 Schülerinnen und Schüler. Dazu kämen 25 Prozent, die täglich zwischen einer und drei Stunden für das Lernen aufwenden, das sind fast 188.000. Da mit der Studie nicht alle erreicht werden konnten, so gaben schon 16 Prozent der Befragten an, dass sie keinen eigenen Computer oder Laptop zum Lernen haben. Das sind mehr als 120.000.

Spiel geht also davon aus, dass das Risiko, das die Bildungsschere aufgeht, mit den Daten eher "unterschätzt" wird. In Wahrheit also noch mehr Schüler nur wenige oder gar keine Stunden mit Lernen im Homeschooling verbracht haben, "ist das schon ein Problem", sagt Spiel.

157.000 hatten keine Unterstützung beim Lernen

Manche Schüler hatten auch wenig bis gar keine Unterstützung in der Familie. Das sagten 21 Prozent der Befragten, was 157.000 Schülerinnen und Schülern entspricht. Auch die Tagesstruktur gestaltete sich stark unterschiedlich: 38 Prozent sagten, dass sie zu Hause auch fixe Einteilung ihres Lernens haben, daraus folge aber, dass über 465.000 Schülerinnen und Schüler keine klare Struktur des Lernens im Homeschooling haben.

Die Schülerinnen und Schüler schätzten auch ihren Lernerfolg ein: Die "erfreuliche Nachricht" sei, dass sich knapp unter zehn Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler als hochkompetent einschätzen. Aber fast sieben Prozent schätzen sich selbst "als sehr, sehr niedrig kompetent" ein. Das seien hochgerechnet immerhin 51.000. Weitere Ergebnisse der Studie folgen am Montag, man könne unter lernencovid19.univie.ac.at auch weiterhin an der Studien teilnehmen.

Bildungsminister Heinz Faßmann plant für jene, die man mit dem Homeschooling nicht erreicht hat, einen vorzeitigen Schulstart in einer Art Summerschool. Details dazu werden aktuell noch erarbeitet. Der Schluss der Bildungspsychologin aus den Daten lautet: "Wenn die Kinder wieder in die Schule kommen, kann man nicht gleich mit dem Lernen beginnen. Man muss mal schauen, wie es ihnen mit dem Lernen geht, wo sie auch emotional stehen." Es sei wichtig, dass auch die Lehrpersonen ebenfalls offen über ihre Schwierigkeiten im Homeschooling sprechen, das fördere das Miteinander.

Der Fokus solle auch nicht nur auf dem Schulstoff liegen, sondern auch den Erfahrungen im selbstständigen Lernen sowie jenen im digitalen Lernen. "Wenn wir das tun, die Krise auch als Chance sehen, darüber nachdenken, was wir mitnehmen, dann haben wir auch eine Chance, dass das in der Krise gelernte im Bildungssystem weiterlebt."