Guten Morgen. Wie viele Neuerkrankungen gibt’s?" So ähnlich hat für viele im März der Tag begonnen. Von den epidemiologischen Daten und dem Kurvenverlauf hing alles ab. Wird das Gesundheitssystem zusammenbrechen? Wird es abertausende Covid-Tote geben? Es waren reale Drohszenarien, die auch in den Pressekonferenzen der Bundesregierung Erwähnung fanden.

Als sich manche gerade zum zweiten Mal in ihrem Leben nach der Oberstufe mit Exponentialfunktionen auseinandersetzten, drehte die Kurve in die gewünschte Richtung, ihr Zenit war am 26. März mit 972 Neuansteckungen an einem Tag erreicht. Von nun an ging’s bergab. Seit mehreren Tagen ist die Zahl der neuen Infektionen im zweistelligen Bereich. Die Maßnahmen der Regierung und die Verhaltensänderungen der Menschen haben gewirkt.

Die beginnende zweite Phase der Epidemie ist aber heikel. Einige Virologen betrachten die Rücknahme der Maßnahmen mit Skepsis, gleichzeitig steigt der Druck auf Regierende, genau das zu tun, da der soziale und wirtschaftliche Schaden mit jedem weiteren Tag eines Lockdowns wächst. Vielleicht auch exponentiell.

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Bei diesem Balanceakt ist das Monitoring essenziell, um früh gegensteuern zu können. Doch das kann nicht mehr von einer einzigen Messgröße abgelesen werden. Ein Beispiel: Von 19. auf 20. April stieg die Zahl der Neuinfektionen um fast 50 Prozent. Das war zuletzt im März der Fall, als sich Österreich auf eine medizinische Katastrophe zubewegte. Diesmal war es nur ein statistischer Ausreißer. "Es ist keinesfalls ausgeschlossen, dass es ein Auf und Ab gibt", sagt Herwig Ostermann, Chef von Gesundheit Österreich, dem nationalen Public-Health-Institut.

Auf dem Dashboard des Gesundheitsministeriums werden verschiedene Daten aus dem Epidemiologischen Meldesystem publiziert: die Zahl der jemals Erkrankten, der aktuell Erkrankten, der Genesenen und etwa der Hospitalisierten, teilweise nach Bundesländern aufgeschlüsselt. Darüber hinaus hat die Regierung immer wieder die Reproduktionszahl als Messgröße ins Spiel gebracht. Doch was sind nun, in der zweiten Phase, die maßgeblichen Zahlen, auf die es zu achten gilt?

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Für Ostermann ist es nach wie vor die Zahl der Neuerkrankten. Sie ist derzeit auf einem Niveau wie Anfang März. Doch diese Zahl verlangt eine stärker qualitative Betrachtung als damals. Ein nur kleiner Anstieg kann auf eine gefährliche Entwicklung hinweisen, etwa wenn plötzlich mehrere Handelsangestellte positiv getestet werden. Diese Gruppe wird gescreent, um die Auswirkung der Geschäftsöffnung zu prüfen.

Umgekehrt muss ein deutlicher Anstieg nicht gleich dramatisch sein, wenn dieser das Ergebnis eines Massentests ist. Testet man nach einzelnen Fällen die gesamte Belegschaft eines Betriebs, wird man auch Infizierte ohne Symptome finden. Das ist auch gewünscht, um möglichst schnell Häufungen zu entdecken und die Infizierten zu isolieren. Dafür fehlte im März noch die Kapazität. "Man muss sich die Zahlen auch über mehrere Tage gemittelt ansehen", sagt der Simulationsexperte Niki Popper von der TU Wien, der im Auftrag der Regierung Prognosen erstellt.

Ein Grundproblem des Coronavirus bleibt bestehen, nämlich der wahrscheinlich hohe Anteil an asymptomatischen Virenträgern und solchen, die erst nach mehreren Tagen Symptome zeigen. Wer nicht weiß, das Virus in sich zu haben, wird keinen Test nachfragen, die Statistik bleibt stumm, so nicht eine Dunkelzifferstudie oder Screening den Fall findet. Das haben Popper und sein Team auch in einer Simulation für die erste Welle ermittelt. "Wenn man es sieht, hat die Musik oft schon gespielt, nur gehört hat man sie nicht", sagt Popper. Die Behörden sind bestrebt, schneller zu testen und teilweise auch asymptomatische Personen. Man will die Musik also früher hören.

Reproduktionszahl als weiterer Parameter

Zumindest in der Theorie führt das zu einer kleineren Dunkelziffer. Deshalb ist Vorsicht beim Vergleich mit den März-Zahlen geboten. Als Österreich in den Lockdown ging, gab es offiziell rund 1000 Infizierte. Nun sind es zweieinhalb Mal so viele. Es ist aber wahrscheinlich, dass die Zahl der tatsächlich Erkrankten damals höher war, als sie es heute ist.

Die Entwicklung der neuen Fälle fließt auch in die Berechnung der Reproduktionszahl ein. Diese basiert auf einem epidemiologischen Modell und gibt an, wie viele Neuinfektionen im Durchschnitt von einem Erkrankten generiert werden. Das Ziel ist, die Zahl eins nicht oder maximal an einzelnen Tagen zu überschreiten. Dahinter streckt eine Formel, in die zwei Parameter eingehen: die Neuerkrankungen und das sogenannte "serielle Intervall". Dieses gibt an, wie viel Zeit zwischen einer Infektion und deren Weitergabe liegt.

Die effektive Reproduktionszahl ist erstmals Anfang April unter 1 gefallen und verharrt dort seither. Das ist gut. Der Rückgang von anfangs 3 hat schon Mitte März eingesetzt, noch vor dem Lockdown.

Hätte es gar keiner Maßnahmen bedurft? Dieser Schluss ist nicht zulässig, zumal ein Faktor von 1,5 wie Ende März auch zu einem exponentiellen Anstieg führt. Welche Maßnahme wie gewirkt hat, lässt sich aber nicht beurteilen.

"R(eff) ist ein Indikator der Geschwindigkeit einer Epidemie", sagt der Mathematiker Lukas Richter, der bei der Gesundheitsagentur Ages an der Berechnung der Reproduktionszahl beteiligt ist. "Es ist notwendig, mehrere epidemiologische Parameter, wie auch die Änderungsrate, in Zusammenschau für die Beschreibung der Epidemie-Entwicklung zu betrachten", sagt Richter.

Augenmerk auf lokale Ausbrüche

Mitte März war das Infektionsgeschehen so weit fortgeschritten, dass es nur mehr darum ging, die Kurve abzuflachen - koste es, was es wolle. Diesmal ist das Ziel ein anderes, nämlich ein eingeschränktes öffentliches Leben wieder zu ermöglichen. Umso wichtiger ist es, zu wissen, wer und was hinter den Zahlen steckt. "Zahl ist nicht gleich Zahl. Worauf man genau achten muss, sind lokale Ausbrüche", sagt Popper. Das ist in einer Grafik nicht leicht abzubilden. "Jetzt fallen uns 30 Fälle in einem Pflegeheim in der Statistik sofort auf. Aber wenn es insgesamt wieder mehr Infizierte gibt, dann nicht mehr." Auch Ostermann betont dies. "Wichtig ist, nicht nur auf den täglichen Wert zu achten, sondern bis hinunter zu den Kommunen zu schauen. Die Krankheit entsteht in Clustern, die Systeme müssen daher sehr sensitiv sein. Das ist in Wirklichkeit das Ziel."