Die Familie mit den zwei Buben im Volksschulalter hat in dem großen Einkaufszentrum an der westlichen Stadtgrenze Wiens ein Modegeschäft als allererstes Ziel. "Wegen Kindergewand", sagt die Mutter. Denn in den eineinhalb Monaten seit der Verhängung der Ausgangsbeschränkungen Mitte März wegen der Corona-Krise "sind sie ein bisschen gewachsen", schildert sie – und ihr Mutterstolz schwingt dabei voll mit.

An diesem Samstag nutzt sie die erste Öffnung der großen Einkaufscenter und Geschäfte mit mehr als 400 Quadratmetern, um notwendige größere Kleidung zu kaufen. "Jetzt fängt die Schule wieder an", schickt sie als Erklärung nach. Mit der Schule ist es noch nicht ganz so weit: An diesem Montag sind vorerst 40.000 Maturanten mit der Rückkehr in die Klassen an der Reihe. Für Volks-, Mittel- und AHS-Unterstufenschüler ist es nach dem Heimunterricht seit Mitte März am 18. Mai wieder soweit.

Unterschiedliche Frequenz in den Geschäften

In dem Einkaufszentrum im Westen Wiens ist der Andrang der Kunden recht unterschiedlich. Die Filiale der Elektronikkette ist schon vor dem Öffnen um 9 Uhr am Samstagvormittag regelrecht belagert worden. Mehr als 30 Personen mit Faible für elektronische Geräte haben sehnsüchtig gewartet, bis die Rollläden hochgehen. Desinfektionsmittel und Tücher stehen gleich beim Eingang bereit. Später bilden sich an den Kassen Rückstaus, diszipliniert wie sonst selten halten sich die Einkäufer an die Mindestabstände vor den Kassen. Der Andrang bei der Elektronikkette ist in anderen Geschäften in unmittelbarer Nähe fast ein bisschen mit Neid verfolgt worden, obwohl etwa auch der Laden einer Modekette keineswegs leer bleibt.

Eine Verkäuferin in dem Modeladen hat dennoch im Laufe des Samstagvormittags einen Unterschied zur Zeit vor den Corona-Ausgangsbeschränkungen und der Schließung der Geschäfte registriert. "Der Kunde ist doch nicht so entspannt", analysiert die Frau, während sie Hemden an einem Drehständer mit viel Sorgfalt ordnet. Es seien zwar viele Leute in den Gängen des Einkaufszentrums unterwegs, aber: "Man ist nicht so frei." Sie habe den Eindruck, manche würden sich nicht so recht trauen, in die Läden hineinzugehen. Allerdings merke man schon auch, dass sich die Menschen freuen, "dass sie endlich wieder sozial aktiv sein können."

"Das Telefon explodiert"

Die junge Frau am Info-Punkt, der zentral liegt, freut sich über die Frequenz an Kunden, die vor ihren Glasscheiben vorbeischlendern. "Es ist schon sehr viel los", bilanziert sie zu Mittag, "für den ersten Tag ist es sehr gut". Das habe man schon in der Früh gemerkt, als die Garage im östlichen Teil der Anlage, wo auch ein großer Supermarkt liegt, bereits vollgeparkt war. Beim Lokalaugenschein der "Wiener Zeitung" läutet es gleich. Es ist der x-te Anruf an diesem Mai-Samstag. "Das Telefon explodiert", schildert die junge Frau – und man spürt an ihrem breiten Lächeln, dass sie das richtiggehend freut.

In einer Woche steht der Muttertag auf dem Kalender. Auch das hat sie bereits am ersten Öffnungstag für Einkaufszentren und große Geschäfte registriert. Das merke man daran, dass auch der Verkauf an Gutscheinen steige. Sagt es – und dann klingt das Telefon schon wieder. Die meisten wollen wissen, ob die Läden in dem Einkaufscenter tatsächlich geöffnet haben.

Im Drogeriegeschäft auf derselben Etage hat eine Frau alle Hände voll zu tun, die Einkaufswägen zu reinigen und zu desinfizieren. Eine junges Paar eilt vorbei. Sie sind vor der Corona-Sperre öfter hier gewesen. Dieses Mal hat sie vor allem der Umstand, dass es mit ihren Kontaktlinsen Probleme gibt, am ersten Öffnungstag in ein Spezialgeschäft in den langgezogenen Gebäudekomplex getrieben.

In der Buchhandlung einige Meter vorher sind die Verkäuferinnen recht zufrieden mit dem Interesse der Kunden. Aufgrund der Größe der Verkaufsfläche dürfen maximal 44 Kunden gleichzeitig den Buchladen betreten. Von der Jugendbuchabteilung, in der Mütter und Väter mit ihrem Nachwuchs schmökern, bis zur Belletristik- und Krimiabteilung, sind aber insgesamt ohnehin deutlich weniger Kunden zugelassen als sonst. "Es ist jetzt ein Mittelding", sagt die erfahrene Buchhändlerin, "der Vormittag war etwas turbulenter." Aber sonst sei es vom Kundenzuspruch ein "normaler" Samstag.

Speisen sind angeschrieben, Lokale zu

Ein normaler Samstag ist es hier im Westen Wiens allerdings dennoch nicht. Denn die beiden Lokale mit ihren Tischen liegen still und friedlich da. Auf den Tafeln vor den Lokalen sind Speisen angeschrieben: der Backhendlsalat um 8,90 Euro oder Omas Faschierter Braten um 9,90 Euro. Allerdings dürfen die Restaurants nach dem Etappenplan der türkis-grünen Bundesregierung erst ab 15. Mai öffnen. Und auch da nur mit Auflagen, wie maximal vier Personen an einem Tisch.

Insgesamt wurden in ganz Wien längere Schlangen bei Elektronikketten registriert. Stark war nach einer ersten Bilanz am ersten Tag der Öffnung der großen Geschäfte in der Bundeshauptstadt der Zulauf auch bei Möbelhäusern sowie bei Friseuren. Kleinere Geschäfte sowie Bau- und Gartenmärkte sind bereits seit 14. April geöffnet.

Eindeutig weniger Kunden sind in den ebenfalls im Einkaufszentrum nahe der Westautobahn untergebrachten Erotikladen mit Reizwäsche und Latexwaren gekommen. Ihre letzte Kundin habe sie vor einer halben Stunde betreut, sagt die Frau hinter dem Verkaufstresen über den ersten Verkaufstag nach der Corona-Sperre. Eine Erklärung hat sie für das geringe Interesse und die Zurückhaltung bei Erotiksachen auch parat: "Bei uns ist nichts dringend."