Langenstein. Die polnische Botschafterin Jolanta Kozlowska moniert im Gespräch mit den "Oö. Nachrichten" (Mittwochausgabe), dass Österreich das ehemalige KZ Gusen noch nicht angekauft hat. Auch kritisiert sie, dass Polen eine Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2018 nach wie vor nicht bekommen habe. Die von der Rechercheplattform Addendum online gestellte Studie zeichnet vier Szenarien.

Das Konzentrationslager Gusen war ein Außenlager des KZ Mauthausen. 71.000 Menschen aus 27 Nationen wurden dort gefangen gehalten, mehr als die Hälfte überlebte nicht. Da unter den Häftlingen viele Polen waren, hat der polnische Premierminister Mateusz Morawiecki im Vorjahr Interesse bekundet, Überreste des ehemaligen KZ Gusen zu kaufen. Mittlerweile will aber die Republik Österreich das Areal ankaufen, das steht im türkis-grünen Regierungsprogramm.

Polen drängt zur Eile

"Eigentlich hätte ich den Ankauf zum 75. Jahrestag der Befreiung der Häftlinge erhofft. Das wäre ein symbolisches Datum gewesen", zeigte sich Kozlowska enttäuscht. "Das kann doch keine Frage des Budgets sein. Ich glaube, die privaten Besitzer des Geländes sind auch bereit, zu verkaufen", drängt sie zur Eile und betont, Polen würde sich "gerne in die Erarbeitung eines Konzepts einbringen. Aber uns wurde die Machbarkeitsstudie zu Gusen bis heute nicht übermittelt."

Auch Polens Außenminister Jacek Czaputowicz hat Österreich anlässlich des des 75. Jahrestages der Befreiung des KZ Mauthausen zu "dringenden Schritten" aufgerufen, um auch in dem Nebenlager Gusen ein "würdiges Gedenken" zu ermöglichen. "Das Lagersystem Mauthausen-Gusen ist auch ein Ort der Vernichtung Tausender polnischer und europäischer Juden", so Czaputowicz Mittwoch in einer Pressemitteilung.

"An diesem besonderen Tag wenden wir uns an die Regierung der Republik Österreich mit dem Anliegen dringend Schritte zu unternehmen, um den Opfern des ehemaligen Lagers Gusen, dessen Gebiet seit Jahrzehnten vernachlässigt wurde, ein würdiges Gedenken zu ermöglichen", erklärte der Außenminister in der Aussendung. "Wir hoffen auf die Umsetzung der im Koalitionsvertrag angekündigten Maßnahmen", so Czaputowicz. Im türkis-grünen Regierungsprogramm ist der Ankauf und die Weiterentwicklung der Gedenkstätte KZ Mauthausen-Gusen festgehalten.

Polen erwartete, "dass noch vor dem 75. Jahrestag der Befreiung des Lagers Gusen entsprechende Entscheidungen über den Ankauf der Überreste des Lagers Gusen aus dem Privatbesitz durch den österreichischen Staat getroffen würden", heißt es in der Erklärung des Außenministers weiter. "Im Verständnis der gegenwärtigen, sich aus der (Corona-)Pandemie ergebenden Einschränkungen, hoffen wir, dass das Lager Gusen, das von den Häftlingen als 'Vestibül' oder sogar 'Boden der Hölle' bezeichnet wurde, ein einzigartiger Ort, aufgrund seiner tragischen Geschichte während des Krieges, des mangelnden Gedenkens in der Nachkriegszeit und der dauerhaften Präsenz im kollektiven Gedächtnis vieler Länder und Gesellschaften - endlich einen würdigen Ort der Erinnerung haben wird."

Bauliche Überreste von Siedlung überlagert

Diese erwähnte Studie stammt aus dem Dezember 2018, wurde aber bisher vom Innenministerium nicht veröffentlicht. Das übernahm stattdessen kürzlich Addendum. Die Studie zeigt vier mögliche Szenarien auf, wie man das Areal ausgestalten könnte, und beschreibt die Besonderheiten des Projektes. 

Denn die räumlichen Gegebenheiten in Gusen sind für die Gestaltung einer Gedenkstätte herausfordernd. Anders als beim ehemaligen KZ Mauthausen sind die Gusen-Überreste nicht abgelegen, sondern werden teilweise sogar von gewachsenen Siedlungs- und Gewerbestrukturen überlagert. Einige Wege, Kanalführungen etc. folgen heute noch dem historischen Verlauf der Wege im Lager. Wo einst Gefangene ermordet wurden, leben heute Menschen und gehen ihrem Alltag nach.

Nach der Befreiung 1945 war das Barackenlager Gusen II aufgrund von Seuchengefahr niedergebrannt worden, weite Teile des Lagers Gusen I verfielen. In den 1950ern entstanden auf der Fläche des ehemaligen KZ die ersten Wohnhäuser, teils auf den Fundamenten der Baracken und mit Steinen, die vom Lager übriggeblieben waren. Heute ist der Großteil des ehemaligen Lagers nicht mehr vorhanden, verfallen oder in Privatbesitz. Nur das Memorial mit dem Versammlungsplatz und einem Besucherzentrum ist für die Öffentlichkeit zugänglich.

Bezeichnend für die Situation sind etwa das Jourhaus, das einst das Tor des Lagers darstellte, und die ehemalige Bordellbaracke. Beide werden heute als Einfamilienhäuser genutzt. Während die Eigentümer des Jourhauses verkaufswillig sein sollen, steht die Bordellbaracke derzeit nicht zum Verkauf. Die SS-Unterkünfte waren bis Anfang der 2000er-Jahre ebenfalls bewohnt - und immer wieder Schauplatz neonazistischer Umtriebe. Neben diesen Gebäuden wären für eine Gedenkstätte noch der Steinbrecher, der von den Sowjets zugeschüttete Appellplatz, diverse Mauerreste, die zwischenzeitlich als Champignonzucht genutzten Häftlingsblocks und das bestehende Memorial mit dem Krematorium relevant.

Vier Szenarien: Vom "Archäologiepark" bis hin zu "Fünf Orte der Erinnerung"

Die Machbarkeitsstudie liefert neben dieser Bestandsaufnahme vier Szenarien, wie man künftig mit dem Areal verfahren könnte. Das erste Szenario sieht einen "Archäologiepark" mit dem Jourhaus als Ein-bzw. Ausgang und fixen Öffnungszeiten vor. Jourhaus, Häftlingsblocks, Steinbrecher und SS-Baracken würden in den Zustand von 1945 zurückversetzt, moderne Einbauten entfernt, Mauerreste und andere Fragmente freigelegt und konserviert.

Szenario zwei wäre ein "Erinnerungspark", in dem man die Natur gestalten lässt. "Gebäude werden dem natürlichen Erosionsprozess übergeben, dieser langsame Verfall wird behutsam begleitet und gestaltet", heißt es in der Studie. Es gibt kein Programm, das Areal ist für alle offen und frei zugänglich.

Einen eher optimistischen und zukunftsgewandten Zugang hat Szenario drei, ein "Begegnungspark". Die Gebäude würden saniert und zusätzliche Räumlichkeiten für Vermittlung geschaffen. "Großzügige Parks (...) ergänzt durch weich modellierte Rasenflächen prägen die Atmosphäre des Begegnungsparks und sollen die Besucher durch ihre offene und kommunikative Gestaltung begeistern", so die Vorstellung der Planer.

Szenario vier - "Fünf Orte der Erinnerung" - mischt alle Ansätze. Das Areal würde in verschiedene Abschnitte unterteilt, die einen "Ort der Begegnung", einen "Ort des Erforschens", "Ort des Erinnerns", "Ort des Begreifens" und einen "Ort des Gedenkens" - letzterer würde sich im bestehenden Memorial befinden - beinhalten. Letzteres verzeichnet derzeit übrigens rund 10.000 Besucher pro Jahr, Tendenz leicht steigend, während die Gedenkstätte Mauthausen von rund 250.000 Personen jährlich besucht wird.