Krisen verstärken bestehende Vorurteile. Und Menschen, die vor Corona von Diskriminierung und Rassismus betroffen waren, sind das seit Ausbruch der Pandemie tendenziell noch mehr. Das zeigen aktuelle Zahlen der Beratungsstelle Zara. Zwischen 16. März und 30. April dokumentierte der Verein 93 Diskriminierungen mit rassistischem Hintergrund und Covid-Bezug. Der Großteil davon, nämlich 87 Prozent, fand im Internet statt.

Während sich vor Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkungen mit 16. März rassistische Vorfälle mit Bezug zu Corona noch vorwiegend auf Menschen richteten, denen asiatisches Aussehen zugeschrieben wurde, verlagerten sich Beschimpfungen und Drohungen zunehmend in Richtung geflüchteter Menschen und Muslime.

FPÖ befördert Rassismus gegen Asylsuchende

"Die Krisensituation wird für eigene Zwecke missbraucht", sagt Caroline Kerschbaumer, eine der beiden Geschäftsführerinnen von Zara zur "Wiener Zeitung", die in diesem Zusammenhang auch eine Aussendung des Wiener FPÖ-Chefs Dominik Nepp vom Dienstag kritisiert. Darin hatte Nepp erklärt, dass die steigenden Coronavirus-Zahlen auf "Asylanten" zurückzuführen seien und man deswegen von einem "Asylantenvirus" sprechen könne.

Ganz grundsätzlich zeige die Willkür, mit der die Corona-Pandemie mit bestimmten Bevölkerungsgruppen in Zusammenhang gebracht werde, exemplarisch wie Rassismus funktioniere, sagt Kerschbaumer: "Man instrumentalisiert mit Covid verstärkt die alten Feindbilder und schürt damit Ängste in der Bevölkerung."

Ein von Zara dokumentierter Fall betraf etwa eine Frau, der von einem Verkäufer eines Schuhgeschäftes Hilfe angeboten wurde. Ein anderer Mitarbeiter mischte sich daraufhin mit den Worten ein: "Die brauchst du nicht bedienen, die haben eh alle Corona." Häufig werde auch behauptet, dass "die anderen sich weniger an die Corona-Beschränkungen halten würden", berichtet Kerschbaumer.

Attacke von Erwachsene gegen Kinder

Eine Zunahme von Fake News und Verschwörungstheorien sei im Zuge der Pandemie ebenso zu beobachten. So seien vor allem im Internet zahlreiche Kommentare zu finden, wonach bestimmte Gruppen den Corona-Virus bewusst nutzten, um mehr Macht zu bekommen.

Kerschbaumer berichtet der "Wiener Zeitung" zudem von einem besonders markanten Fall aus der Anfangsphase der Corona-Pandemie. In einem Bus wurde eine Gruppe von Kindern, denen eine chinesische Herkunft zugeschrieben wurde, von mehreren Erwachsenen attackiert und beschimpft. Es sage einiges über die Intensität von Ressentiments aus, wenn auch Kinder ins Visier gerieten, sagt die Zara-Geschäftsführerin.

Wie die Geschichte zeigt, gingen große gesundheitliche, ökonomische und gesellschaftliche Krisen üblicherweise auch mit steigender Diskriminierung von Minderheiten und einer Zunahme rassistischer Ressentiments einher.  Kerschbaumer befürchtet daher im Zuge der Corona-Pandemie einen weiteren Anstieg bei entsprechenden Vorfällen. "In den sechs Wochen der Ausgangssperren haben wir deutlich mehr Meldungen erhalten als normalerweise", sagt sie. "Die Ängste, die mit derartigen Krisen einhergehen, werden leider häufig auf bestimmte Gesellschaftsgruppen projiziert."

Neuer Negativ-Rekord im Jahr 2019

Insgesamt wurden Zara im Jahr 2019 1950 Rassismus-Fälle gemeldet, wie aus dem Zara-Rassismus-Report hervorgeht, der am Mittwoch präsentiert wurde. Mit 1070 betrafen drei von fünf gemeldeten Fällen das Internet. 355 fanden im öffentlichen Raum statt, 199 betrafen den Bereich Güter und Dienstleistungen, 93 staatliche Behörden und Institutionen, 75 die Polizei.

Der bisherige Rekord von 1920 Meldungen aus dem Jahr davor wurde 2019 übertroffen. Auch die aktuelle Höchstzahl sei allerdings nur als "Spitze des Eisbergs" zu sehen, sagt Dilmer Dikme, Leiterin der Zara-Beratungsstellen. Denn dokumentiert werden könnten nur jene Fälle, die Zara gemeldet werden – entweder von Zeugen oder von Betroffenen selbst. Gemeldet wird aber nur ein Bruchteil der tatsächlichen rassistischen Vorfälle. Allerdings müsse eine gesteigerte Zahl an Meldungen nicht zwingend auf eine Zunahme von Rassismus hinweisen. Sie könne auch Folge von höherem Bewusstsein in der Bevölkerung und gestiegener Zivilcourage sein, gibt Dikme zu bedenken.

Der Rassismus-Report 2019 ist die 20. Ausgabe seit Gründung des Vereins im Jahr 1999. Insgesamt dokumentierte Zara in dieser Zeit 18.090 Fälle rassistischer Diskriminierung. Ein Drittel der Fälle wurde von den Betroffenen selbst gemeldet. Zwei Drittel der Meldungen kamen von Zeuginnen und Zeugen.

Appell der Justizministerin "sich nicht an Alltagsrassismus zu gewöhnen"

Mehr als die Hälfte aller gemeldeten Fälle aus 2019 wurden im Internet beobachtet. Mit 542 kam die Mehrheit davon von Facebook-Nutzern. 261 Meldungen gingen auf Twitter-, 121 auf Youtube-Nutzer zurück, 48 betrafen Web- und Zeitungsforen. Nur 35 Prozent der insgesamt 1070 Meldungen aus dem Internet konnten allerdings strafrechtlich verfolgt werden. Vor allem bei Privatnachrichten gebe es oft keine rechtliche Handhabe. Zara fordert deshalb eine Absicherung der Menschenwürde als Rechtsgut.

Justizministerin Alma Zadic (Grüne) appellierte im Zusammenhang mit dem Rassismus-Report, "sich nicht an Alltagsrassismus zu gewöhnen". Rassistische Diskriminierungen seien vielfältiger und im Zuge der Entwicklung sozialer Netzwerke auch niederschwelliger und perfider geworden. "Wir sind also aufgerufen, umso stärker dagegenzuhalten", sagte sie via Aussendung.