Es war eine Blitzaktion, die für viele die Corona-Krise so richtig spürbar machte: Am Freitag noch normaler Schulalltag, und am Montag danach waren alle Schülerinnen und Schüler im Homeschooling. In Windeseile mussten Lernplattformen, digitale Kommunikationskanäle, technisches Endgerät nicht im Test-, sondern Echtbetrieb für ein Lernen und Lehren auf Distanz fit gemacht werden.

Einem Teil gelang das: Ein Viertel des befragten Lehrpersonals berichtete Bildungswissenschafter Stephan Huber für ein deutsch-österreichisch-schweizerisches Schulbarometer, dass sie 100 Prozent der Schülerinnen und Schüler erreichten. Acht Prozent aber verloren mehr als die Hälfte, manche sogar alle auf dem digitalen Weg.

Bildungspsychologin Christiane Spiels Erhebung an der Universität Wien zeigt, dass 16 Prozent der Befragten im Homeschooling keinen eigenen PC, Laptop oder Tablet zur Verfügung haben. Es dürften mehr sein, da die Befragung online war und daher jene ohne Computer und Internet nicht erreichen konnte.

Kein Wunder, dass jemand aus dem Lehrpersonal in Hubers Studie sagte: Es brauche "Blitzaktionen in Sachen Digitalpakt". Der Bildungsexperte selbst sagt aber auch: "Die aktuelle Situation mag auch eine Chance erkennen lassen." Und zwar in der Digitalisierung, "die gerade einen enormen Aufschwung erlebt. Dieses Potenzial ließe sich jetzt nutzen."

Verschiedene digitale Zeitalter

Im Schulbarometer werden Kinder und Jugendliche zitiert, die dem digitalen Lernen viel abgewinnen können: "Ich suche eher selbst nach Lösungswegen, statt den Lehrer direkt zu fragen", ist da beispielsweise zu lesen. "Man hat den eigenen Ansporn und kann sich selbst überlegen, wann man was macht." Auch die Relevanz ist manchen bewusst: "Der Umgang mit digitalen Medien ist relevant fürs Berufsleben", heißt es da. Oder: "Wir sind im digitalen Zeitalter und müssen mit Computern arbeiten!"

Die Studie zeigt aber auch, dass die Schulen Österreichs, Deutschlands und der Schweiz unterschiedlich im digitalen Zeitalter angekommen sind: 57 Prozent des Lehrpersonals in der Schweiz berichten von technischen Kapazitäten, die für einen webbasierten Unterricht ausreichen; nur 19 Prozent gaben an, dass das an ihrer Schule nicht zutrifft. In Österreich stehen 54 Prozent gut, 27 nicht gut da. Noch schlechter ist die Situation in Deutschland: Da sprechen 56 Prozent von einer schlechten und nur 24 Prozent einer guten technischen Ausstattung der Schulen.

OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher unterstreicht in einem Webinar der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung, dass Österreich in Sachen digitaler Schule klar vor Deutschland liegt. Österreichs Nachwuchs ist unter den Top 10 bei der Verfügbarkeit von Computern und das Lehrpersonal landet beim technischen und pädagogischen Wissen, digitale Geräte sinnvoll einzusetzen, im Vergleich von 77 Ländern auf Platz 13. Deutschland befindet sich in den meisten Kategorien am anderen Ende der Skala.

Bei der Geschwindigkeit und Leistungsfähigkeit des Internets an den Schulen liegt Österreich im OECD-Schnitt. In die Top drei schafft es die heimische digitale Schule aber in keinem Bereich. Da sind Länder wie Singapur, Korea oder China, aus Europa Dänemark oder Estland zu finden. In China sei laut Schleicher sowohl die Technik als auch die Unterstützung der Lehrkräfte herausragend. In Estland arbeitete jede Schule bereits vor der Krise mit Lernplattformen. Es liege aber auch an einer anderen Arbeitsorganisation des Lehrpersonals: In Korea werden beispielsweise bei 50 Wochenarbeitsstunden nur elf bis 16 Stunden in der Klasse unterrichtet. "Da bleibt viel Zeit, Teamarbeit in Kleingruppen zu organisieren, digitale Konzepte zu erstellen, sich im Kollegium auszutauschen und die digitale Schule weiterzuentwickeln."

Learnings aus der Krise

Was kann man also aus der Krise in den künftigen Unterricht mitnehmen? "Dass die Selbstorganisation gewachsen ist und die EDV-Kenntnisse erweitert wurden", sagt Spiel. "Wichtige Schlüsselkompetenzen, die auch für erfolgreiches lebenslanges Lernen zentral sind."

Huber würde neben einer besseren Hardwareausstattung auch rasch den "digitalen Divide in der Lehre schließen". Positiv sei aber, dass sich digitales Lehren und Lernen gut dazu eigne, stärker zu differenzieren. Man könne sich stärker auf jene fokussieren, die mehr Unterstützungsbedarf haben, "individueller fördern, bei klaren Lernzielen und in transparenten Strukturen, mit regelmäßigen Rückmeldungen zum Lernergebnis und Lernerfolg". Auch das Lernen in Teams, gegenseitige Unterstützung der Schülerinnen und Schüler könne beibehalten werden. Und: "Lernen mit und durch Technologie sowie über Technologie ist gefragt", sagt Huber.

OECD-Experte Schleicher ergänzt um Weiterbildung, denn international seien Lehrkräfte im Klassenzimmer gut, auch was die klassische Vermittlung des Schulstoffs anbelangt. Schülerinnen und Schülern aber längerfristige Projekte anzuvertrauen oder komplexe Aufgaben alleine oder in kleinen Gruppen auch zu Hause lösen zu lassen, "da trauen sich viele nicht drüber".

Was auf die Schulen zukommt

Genau bei diesem Punkt setzt die im Bildungsministerium für Digitalisierung zuständige Sektionschefin und vormalige Ministerin Iris Rauskala an: bei der pädagogischen Weiterbildung. 12.000 Lehrkräfte nutzen das Distance-Learning-Serviceportal des Ministeriums, ein Zehntel der Lehrkräfte unterrichtet nun also zusätzlich zu jenen, die das davor getan haben, ebenfalls digital. Von zwei der Fortbildungseinrichtungen, der virtuellen Pädagogischen Hochschule und dem Kompetenzzentrum eEducation, wisse man, dass alleine dort 30.000 eine digitale Fortbildung machten, also schon davor Interesse daran hatten.

Da müsse man ansetzen: "Unseren Schätzungen zufolge ist ein Drittel überdurchschnittlich engagiert, versucht, nahe an den Schülern dran zu bleiben; ein weiteres Drittel lässt sich mitreißen. Ein kleiner Teil steht Digitalisierungsmaßnahmen kritisch gegenüber oder hat Hemmungen", sagt Rauskala. "Da scheint es auch interessant zu sein, wenn Lehrer von Lehrern lernen."

Die angekündigten SIM-Cards, Datenpakete und Notebooks werden seit Anfang Mai bereits per Post verschickt, 10.000 brauchte es letztlich jeweils. Was außerdem folgt, sind Richtlinien zur Harmonisierung der verschiedenen Lernplattformen. Bei der verbindlichen Übung "Digitale Grundbildung" für 10- bis 14-Jährige, zeigt sich, dass die in alle Fächer integrierte Version wie an vielen Mittelschulen sowohl für das Lehrpersonal als auch die Lernenden die bessere Vorbereitung für E-Learning ist, als der Unterricht im eigenständigen Fach wie an vielen AHS. Mit der Schulreform 2019 haben Schulen mehr Autonomie für die digitale Entwicklung am Standort. Weniger Unterrichtszeit ist nicht angedacht, dafür eine Entlastung bei administrativen Aufgaben. "Das hat Priorität."