Die gute Nachricht liefert Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) gleich vorab: Zu Beginn der Corona-Krise gab es tägliche Steigerungsraten von 36 Prozent, an einem einzelnen Tag sogar über 50 Prozent, 16.179 positiv getestete Personen später kann der Minister von einer Steigerungsrate von 0,17 Prozent von Sonntag auf Montag berichten – was weit unter den angestrebten zehn Prozent liegt, die zu Beginn als Ziel ausgegeben wurden. Anschober spricht von einer "sehr erfolgreichen Auswirkung dieser gravierenden Maßnahmen".

Die schlechte Nachricht folgt aber zwei Monate nach dem Start des Shutdowns: Es gibt weiterhin einiges zu beachten bei der weiteren schrittweisen Normalisierung des Landes, die Anschober und einige Mitglieder des 18-köpfigen Expertengremiums der Regierung ausführen. Der Gesundheitsminister ist sich sicher: "Wir müssen sehr konsequent bleiben", den Kurs fortsetzen, denn: "Gesundheit ist der schlechteste Ort für Experimente."

Schritt für Schritt alle zwei Wochen

In der ersten Phase der Krise habe sich als richtig erwiesen, sehr frühzeitig Maßnahmen zu setzen. Wichtig war es auch, dass diese von der Bevölkerung konsequent umgesetzt wurden. Und auch die Lockerungen in zwei Wochenschritten sei sinnvoll, sagt der Gesundheitsminister. Das zeige eine Auswertung des Max-Planck-Instituts für Deutschland, man werde das auch für Österreich erheben, "um präzise zu sagen, was hat was gebracht."

Es zeige sich aber, dass die Phase zwei, jene der Wiedereröffnung, mit dem ersten Schritt, der Wiedereröffnung der kleineren Geschäfte und der Baumärkte Mitte April und dem zweiten Schritt, dem Ende der Ausgangsbeschränkung, der Öffnung großer Geschäfte und Dienstleistungsbetrieben wie Frisören, die zu mehr Frequenz in der Öffentlichkeit führten "bisher keine Auswirkungen" hatten, so Anschober. So wurde vergangenes Wochenende, der dritte Schritt mit Gastronomie, Museen, Bibliotheken und Gottesdiensten vollzogen. In der ersten Junihälfte werde die Regierung alle Schritte präzise durchleuchten, um aus dem bisherigen Schlüsse für die Zukunft zu ziehen, denn: "Wir sind alle Lernende. Es geht um Wissensvermittlung in Richtung der Politik." Und: "Diesen Wissensschatz gilt es zu komprimieren und dann einzusetzen."

Datengelenkt und nach "Uraltmethode" agieren

Was hat man also bislang gelernt? Dass sich der Blick in die Nachbarländer und auf andere internationale Beispiele lohnt, sagt zum Beispiel Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich. "Kein Land vertraut auf Blindflug", alle hätten zahlengelenkt agiert. Auch hierzulande werde man das Monitoring und zahlengelenkte Agieren beibehalten und weiterhin stufenweise Öffnungsschritte der Gesellschaft setzen. Nur die Bedeutung der Daten auf die Beratung und Regierung blicken habe sich geändert: Während man am Beginn noch die Neuerkrankungen im Zentrum der Betrachtung standen, ist heute "der Anteil der Neuinfektionen, der nicht auf eine Ausgangspunkt zurückzuführen ist, relevanter". Herwig Kollaritsch, Facharzt für Hygiene, für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin, spricht von einer "Uraltmethode": "Wir haben dem Virus seine Grundlage entzogen." Es gehe weiterhin um das Gleichgewicht zwischen sozialer Distanz, punktgenauer Rückverfolgung bei Ansteckungen bei gleichzeitiger Lockerung, die Situation sei nach wie vor "fragil". Und: "Die Mär von der Herdenimmunität können wir uns abschminken". Selbst in Spanien ginge die Durchseuchung nicht über fünf Prozent hinaus, es bräuchte aber 65 bis 70 Prozent, um sicher zu stellen, dass auch ohne Maßnahmen keine weiteren Ansteckungen mehr notwendig sind.

Zweite Welle kein Muss

Kollaritsch ist es auch, der erstmals sagt, dass eine zweite Welle nicht unbedingt folge. "Die zweite Welle wird dann kommen, wenn wir es nicht schaffen, dieses Gleichgewicht zu halten. Wenn wir nachlassen in unseren Bemühungen." Nicht aber, wenn es gelinge kleinere Ausbrüche unter Kontrolle zu halten.

Gerry Foitik, Bundesrettungskommandant des Österreichischen Roten Kreuzes, wiederholt einmal mehr die Bedeutung von vier Handlungsschritten: "Containment 2.0, damit kein einziger Fall unentdeckt bleibt. Wir sind in einer Phase, wo jeder Husten, jeder Verlust von Geschmacks- und Geruchssinn, Aufmerksamkeit braucht." Es brauche also Diagnostik mit umfangreichen Testungen, dann Contact-Tracing, um Infektionsketten zu unterbinden und im dritten Schritt die freiwillige Beschränkung von persönlichen Kontakten: "Ich muss mich aus meinem gesellschaftlichen Leben zurückzuziehen." Auch Risikogruppen müsse man im Auge behalten. Diesen rät Foitik: "Richtig ist, was wichtig ist." Jeder solle selbst entscheiden, welche Kontakte er pflegen müsse, um glücklich zu sein, und welche man reduzieren könne. "So kann eine Öffnung ohne Schaden möglich sein."

Blick auf die ärztliche Versorgung

"Das Virus ist nach wie vor existent, auch wenn es nicht mehr verstörende Bilder gibt", sagt Christiane Druml, die Vorsitzende der Bioethikkommission. "Jede Einschränkung nur so lange dauern darf, wie sie wirklich notwendig sind." Die ethisch herausforderndsten Situationen gebe es für Kinder. Auch in Krankenhäusern müsse man wieder Besuche ermöglichen: "Das kann ein Teil einer erfolgreichen Behandlung sein."

Susanne Rabady, Allgemeinmedizinerin und Leiterin des Kompetenzzentrums Allgemein- und Familienmedizin an der Karl Landsteiner Privatuniversität gibt zu bedenken, dass man im Herbst "mit einer gemischten Infektionssituation rechnen müssen". Man habe gelernt, dass Covid-19-Symptome von anderen schwer zu unterscheiden seien, deshalb Testungen weiterhin notwendig sind. Es brauche weiterhin eine Koordinierung des Zugangs zum Gesundheitswesen, aber: "Den Zutritt zu regeln, darf nicht bedeuten, ihn zu verhindern." Hausärztliche Versorgung sei die Clearingstelle für die Weiterverteilung aller Erkrankten, von psychischen über physische und chronische Leiden bis hin zu Covid-19.