Freilich, die Maßnahmen seien alle notwendig und gut gewesen, um der Verbreitung des Coronavirus entgegenzuwirken, sagte Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres am Montag. Durch diese "Maßnahmen zur rechten Zeit", wie Ausgangsbeschränkungen, Abstandhalten und Maskentragen, habe man die Anzahl der Verstorbenen niedrig halten können – Österreich ist diesbezüglich weltweit ein Vorzeigeland.

Dass die Ordinationen innerhalb kürzester Zeit mit Schutzvorrichtungen ausgestattet und mit einer stark verringerten Anzahl an Patienten weitergeführt werden mussten, habe allerdings zu einem massiven Umsatzrückgang geführt, so Szekeres. "Einige niedergelassene Ärzte hatten um bis zu 90 Prozent weniger Umsatz, weil sie ja ihre Miete und die Angestellten weiterhin bezahlen mussten." Viele hätten dieses Minus aus ihrem Privatvermögen in die Ordination eingezahlt. Während der Krise waren 90 Prozent der Ordinationen geöffnet. Die Spitalsärzte wiederum, die bereits vor der Krise am Limit gewesen seien, seien unter anderem durch Umwidmungen von Abteilungen zusätzlich gefordert gewesen und hätten sich einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt.

Vorbild Deutschland

Daher forderte Szekeres einen finanziellen Ausgleich für alle Ärztinnen und Ärzte – zum Beispiel in Form eines steuerfreien, 15. Gehalts. Was die Spitäler und deren finanziellen Mehraufwand und Einbußen – etwa wegen aufgeschobener Operationen – betrifft, sei Deutschland das große Vorbild: Ende März hat hier der Deutsche Bundestag im Eiltempo und selten einmütig ein Hilfspaket von mehreren hundert Milliarden Euro gegen den wirtschaftlichen Abwärtssog durch das Coronavirus beschlossen.

Bezüglich Gesundheitssystem erhalten Krankenhäuser in Deutschland dem Covid19-Krankenhausentlastungsgesetz zufolge eine Kompensation für unbelegte Betten, die durch verschobene Operationen für Viruspatienten freigehalten werden, pro Tag und Bett bis 30. September pauschal 560 Euro. Einen Bonus von 50.000 Euro gibt es für jedes Intensivbett, das sie zusätzlich schaffen. Und für Mehrkosten etwa beim persönlichen Schutz erhalten Spitäler vom 1. April bis zum 30. Juni einen Zuschlag von 50 Euro pro Patient. Das Gesetz enthält auch Regelungen für die ambulante Versorgung. Die niedergelassenen Ärzte können mit Ausgleichszahlungen rechnen, wenn sich infolge der Covid-19-Pandemie Honorareinbußen ergeben.

"Das deutsche Modell ist eines der besten", ergänzte Johannes Steinhart, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte. Auch in Österreich brauche es Ausgleichszahlungen wie diese, weil sonst Ärzte Ordinationen schließen oder früher in Pension gehen müssten – angesichts des drohenden Ärztemangels dramatisch: Der Anteil der über 55-jährigen Ärzte liegt aktuell bei rund 30 Prozent.

Gesundheitsministerium will Anspruch "fair bewerten"

"Unsere niedergelassenen Ärzte tragen wesentlich dazu bei, dass die Corona-Krise so gut bewältigt werden kann", sagt dazu Bernhard Wurzer, Generaldirektor der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) – und stellt Erleichterungen für sie in Aussicht. Allerdings sichert die ÖGK der ÖÄK lediglich zu, sie bei der Forderung nach Ausgleichszahlungen für pandemiebedingte Honorarausfälle beim Bund zu unterstützen, denn: "Wir haben in der Krise alle Maßnahmen gesetzt, die die gesetzliche und wirtschaftliche Situation hergibt, um die Versorgung für unsere Versicherten zu gewährleisten", sagt Andreas Huss, stellvertretender Obmann der ÖGK. "Was über unsere Möglichkeiten hinausgeht, muss der Bund übernehmen." Laut Gesundheitsministerium "muss ein finanzieller Ausgleich für Umsatzverluste einzelner Ärzte vor dem Hintergrund von Fairness und Gerechtigkeit bewertet und geprüft werden", heißt es auf Nachfrage der "Wiener Zeitung". Auf Basis konkreter Zahlen zu den Auswirkungen sollen weitere Gespräche geführt werden.

Die ÖGK selbst biete verbesserte Regelungen zu Abschlagszahlungen, um die Liquidität der Vertragspartner sicherzustellen, heißt es von dieser. Auch eine weitere Lockerung der Limitierungsbestimmungen bei der Abrechnung von Vertragsleistungen soll ermöglicht werden, damit aufgeschobene Untersuchungen nachgeholt und unbürokratisch verrechnet werden können.

Bereits in den vergangenen Wochen seien seitens der ÖGK Schritte gesetzt worden, um das Arbeiten für Ärzte zu erleichtern, wie etwa durch die elektronische Verordnung von Medikamenten, die telefonische Krankmeldung oder den Entfall der Bewilligungspflicht für Medikamente durch den Chefarzt. Außerdem werden telemedizinische Behandlungen wie ein Ordinationsbesuch abgegolten.

Bleibt papierloses Rezept?

Einige dieser Krisenmaßnahmen könnten sogar auch nach der Krise erhalten bleiben – zum Beispiel das papierlose Rezept. Wurzer könnte sich das jedenfalls vorstellen, sagte er im Ö1-"Morgenjournal". Seit Mitte März genügt in Österreich für die Ausstellung von Rezepten ein Anruf beim Arzt. Dieser übermittelt das Rezept auf elektronischem Weg an die vom Patienten gewählte Apotheke, wo es per E-Card abgerufen werden kann. Sollte das nach der Krise so bleiben, gäbe es laut Wurzer allerdings "ein paar Fragen, die man beantworten muss – Datenschutz- oder rechtliche Fragen, wie das außerhalb des Krisenmodus ist."

Auch bei der Chefarztpflicht könnte es Änderungen geben. Die Präsidentin der Apothekerkammer, Ulrike Mursch-Edelmayr, würde es begrüßen, weil es eine "bürokratische Erleichterung für alle Beteiligten" wäre, sagte sie. Für die Krankmeldung wird man nach der Krise aber vermutlich schon wieder persönlich beim Arzt erscheinen müssen.

Auf jeden Fall müsse alles getan werden, um eine zweite Erkrankungswelle zu verhindern, sagte ÖÄK-Präsident Szekeres. Einen zweiten Lockdown könne er sich nämlich nicht vorstellen. Da die Covid-19-Erkrankungen infolge der schrittweisen Lockerungen aber vermutlich wieder ansteigen, sei das weitere Einhalten der Distanzregeln, die regelmäßige Händedesinfektion und das Tragen von Masken in geschlossenen Räumen unerlässlich.