Sieben Jahre erntete Violeta Popa (Name geändert) Kraut auf niederösterreichischen Feldern. Sie zupfte, oder besser rupfte Unkraut aus, bis zu 17 Stunden am Stück an einem Tag und um 3,50 Euro pro Stunde. "Wir wohnten im Bauernhaus, im Keller. In den vier Zimmern gab es anfangs noch nicht einmal einen Betonboden und nur Betten aus Metall. Wir haben selbst Parkett gelegt und im Bad Fliesen", erzählt die rumänische Erntearbeiterin im Interview mit Sezonieri, einer Initiative der Gewerkschaft Pro-Ge, die sich für die Rechte von Beschäftigten in der Landwirtschaft einsetzt.

"Ich will nicht alles schlechtreden", sagt sie auch. Auf anderen Höfen mussten manche für Strom, Wasser, Klopapier bezahlen, sie aber nicht. "Manchmal brachte uns der Bauer Grillhähnchen aufs Feld, wenn er wollte, dass wir länger arbeiten." Sie erstritt sich zwar fünf Euro pro Stunde vom Bauern, den vollen Lohn nach Kollektivvertrag, Sonderzahlungen, Überstundenzuschläge, muss sie sich vor Gericht erst erstreiten.

Es ist ein Einzelfall und auch einer schon lange vor der Corona-Krise. Sezonieri hat auch viel bewirkt, sagt Bernhard Höfler, der Landarbeiter in Tirol berät. Er sagt aber auch: "Ich würde nie die Hand ins Feuer legen, dass es das nicht mehr gibt. Es gibt eine Gruppe unter den Bauern, die ist sehr bemüht, alles sauber einzuhalten. Aber die Bereitschaft, darüber zu reden, ist klein, weil alle mit ins Fahrwasser zu geraten drohen."

Auf wackligen Beinen stehen

Die Corona-Krise habe zudem gezeigt: "Landarbeit ist sehr fragil, jetzt in Corona-Zeiten sehen wir, wie abhängig die Landwirtschaft von Mitarbeitern aus dem Ausland ist, die unter solchen Bedingungen arbeiten." Es ist die prekäre Beschäftigung, die sich Gesundheits- und Sozialminister Rudolf Anschober genauer ansehen will. Weil genau da Corona-Cluster entstehen: "Offenbar haben wir europaweit eine Entwicklung, wo vor allem jene in prekären Arbeits-, Lebens- und Wohnsituationen hauptsächlich betroffen sind", sagte Anschober im Puls4-Interview. In Italien ist es die Textilbranche, in Deutschland sind es die Schlachthöfe, in Österreich schärft sich der Blick durch das Cluster rund um die Postverteilerzentren, wo Asylberechtigte als Leiharbeiter beschäftigt waren.

"Das Problem prekärer Beschäftigung ist die schlechte soziale Absicherung", sagt Veronika Bohrn-Mena, die sich bei der GPA-djp damit auseinandersetzt. "Deshalb arbeiten die Betroffenen unter den widrigsten Bedingungen weiter, auch wenn sie krank sind. Auf ihnen lastet großer finanzieller Druck und die Sorge, den Job zu verlieren." Prekäre Arbeit sei die Schattenseite der Arbeitsmarktflexibilisierung. "Regeln wurden dabei zugunsten der Unternehmen aufgeweicht, Teile des Arbeitnehmerschutzes wurden zuungunsten der Beschäftigten aufgegeben."

"Das soziale Netz wurde breitmaschiger, deshalb fallen mehr durch", sagt Bohrn-Mena. Es brauche mehr soziale Absicherung von allen Beschäftigten, unabhängig von Arbeitsverträgen. "Die gehen nicht aus Spaß krank arbeiten, sondern aus materieller Not und weil sie keine Alternative haben." Die GPA-djp habe der Regierung bereits im Jänner ein Forderungspaket für atypisch Arbeitende übermittelt, da ist etwa eine Begrenzung des Anteils der Leiharbeitskräfte auf zehn Prozent dabei. Bei Amazon sind es aktuell beispielsweise 95.

Leiharbeit ist nicht Leiharbeit

Die Daten der Statistik Austria zeigen, dass nicht nur die Beschäftigung generell, sondern auch atypische zugenommen hat: Waren es 2004 noch 338.000, sind es 2019 bereits 474.400. Zwar haben sich die freien Dienstverträge halbiert, Verträge mit weniger als 12-Wochen-Stunden, befristete Dienstverhältnisse und Leiharbeit aber hat sich fast verdoppelt.

Atypisch heißt zwar nicht automatisch prekär arbeiten; es gibt auch gut bezahlte Arbeit und es kommt auch auf das Partnereinkommen an. Dennoch zeigt sich in Richard Heubergers Forschung zu Armut und Haushaltseinkommen bei der Statistik Austria ein Zusammenhang. "Zwar nicht eins zu eins, aber sie sind häufiger von Armut oder einem Ausgrenzungsrisiko betroffen." Unter allen Menschen in Österreich sind es 17 Prozent, unter den Teilzeitbeschäftigten aber 36 Prozent und bei jenen mit befristeten Verträgen 22 Prozent.

Wifo-Arbeitsmarktforscher Helmut Mahringer sagt, dass es bei der Leiharbeit auf die Branche ankommt. "Im internationalen Vergleich sind Österreichs Leiharbeiter gut abgesichert, sie haben einen Kollektivvertrag mit einem Mindestlohn und sie müssen bei einer Überlassung an den Betrieb so entlohnt werden wie die Stammbelegschaft." Man erhält also zumindest die Einstiegsgehälter des jeweiligen Branchenkollektivvertrags. In der Industrie gibt es damit mehr Geld, in der Logistik bei der Post weniger.

Es gibt aber auch einige Abers im Vergleich zu anderen Beschäftigten: Viele der Leiharbeitskräfte sind nicht ganzjährig beschäftigt. Mahringer spricht deshalb von "einer weniger stabilen Beschäftigungssituation, wo die Menschen zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit hin und her pendeln". Außerdem sind die Lohnfortschritte bei nicht ganzjährig Beschäftigten geringer als bei dauerhaft Beschäftigten.

Gernot Mitter, Arbeitsmarktexperte der Arbeiterkammer Wien, fordert, die Praxis, Leiharbeiter nach der Auflösung der Überlassung in die Arbeitslosigkeit zu schicken, zu beenden. "Also bestehendem Arbeitsrecht zum Durchbruch zu verhelfen, denn im Gesetz ist die Weiterbeschäftigung verankert." Er plädiert für eine Übernahmeverpflichtung nach mehreren Jahren Leiharbeit und ökonomische Anreize zum Behalten wie "höhere Arbeitslosenbeiträge für Unternehmen mit Hire-and-Fire-Politik". Während des Krankenstandes könnten Kündigungen wie in Deutschland verboten sein, nicht nur in der Krise.

Undokumentiertes Arbeiten

Noch härter als Leiharbeiter trifft die Schutzlosigkeit undokumentiert Arbeitende, sagt Susanne Kimm, Beraterin bei Undok, einem Verband zur gewerkschaftlichen Unterstützung von Menschen, die illegalisiert ohne Papiere im Land leben, solchen, die nur eingeschränkt wie Asylsuchende arbeiten dürfen, oder jenen, die zwar eine Aufenthalts-, aber keine Beschäftigungsbewilligung haben. "Sie sind von sämtlichen Sozialleistungen ausgeschlossen, schon vor Corona, aber auch jetzt mit", sagt Kimm. Ein Jobverlust in der Corona-Krise sei "bitter, weil existenzbedrohend und neue Arbeit lässt sich kaum finden".

Jene, die während des Shutdowns ihre Arbeit verloren haben, bleiben komplett im Verborgenen. "Grundsätzlich ist es schon möglich, arbeitsrechtliche Ansprüche durchzusetzen", sagt Kim. Sie sagt aber auch: "In manchen Fällen ist es nicht ratsam, sie einzuklagen, weil der Fall dann aktenkundig wird" - und aufenthaltsrechtliche Konsequenzen nach sich zieht. Kimm schlägt den politisch Verantwortlichen vor, einen Blick nach Portugal zu richten. Da würden alle im Land vorübergehend ähnlich wie Staatsbürger behandelt: Sie erhalten Corona-Hilfen und werden vom Gesundheitssystem versorgt, denn: Viele gehen auch aus Angst vor fremdenrechtlichen Konsequenzen nicht zum Arzt.

Landarbeit kontrollieren

Zurück zu den Erntearbeitern. Da ist sich Agrarwissenschafterin Cordula Fötsch sicher, dass die Problematik nicht so einfach zu lösen ist. Die Landarbeiter-Kollektivverträge sind sehr niedrig, zwischen 6,19 Euro und 7,41 Euro pro Stunde netto. Es gebe aber einen enormen Preisdruck auf dem Lebensmittelmarkt, Förderungen werden nach Fläche nicht nach Qualität der Arbeitsplätze vergeben. "Dabei könnten diese wie bei Biobetrieben an ökologische, generell auch soziale Kriterien gebunden sein."

Karl Orthaber, Fachexperte Agrar bei der Pro-Ge, spricht außerdem von mehr als 50, also zu vielen Kollektivverträgen in der Landwirtschaft. Sie zu vereinheitlichen und zu erhöhen, sei aber mangels Organisationsgrad der Landarbeiter nicht einfach. Wie Fötsch rät auch er zu strengeren Kontrollen der Betriebe durch Arbeitsinspektorate - auch aktuell der Corona-Schutz-Regeln. Zwar sind bislang, anders als in Deutschland, noch kaum Verstöße dagegen aufgepoppt. Höfler sagt aber: "Ich fürchte, dass das auch hier nicht so gut funktioniert. In der Praxis sortieren Landarbeiter am Band Gemüse im Akkord. Wie soll man da Abstand halten?" Wieder ein Grund, dass eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen auch zu mehr Corona-Schutz führt.