Der letzte Tag des Jahres ist traditionell die Ruhe vor dem Sturm und Drang. Erst am Abend und in der Nacht rauscht’s, doch der Tag ist meist ereignisarm. Es gibt wenig Berichtenswertes, die Nachrichtenagenturen widmen sich auch Nebensächlichem: Eine leichte Rauchgasvergiftung bei einem Kellerbrand in Villach, ein Trafik-Räuber mit Hammer in Wien, die Polizei in Oberösterreich überführte Diebe eines Polizeiinspektionsschildes.

Auch aus der Ferne trudeln einige Meldungen ein. Die Austria Presse Agentur berichtet, dass Samoa und Kiribati das neue Jahr begrüßten, dass in Australien immer noch Buschbrände wüten und im Sudan ein Wettrennen von Schildkröten stattgefunden hat. Und auch eine kleine Meldung aus China ist dabei: "Mysteriöse Lungenkrankheit in Zentralchina ausgebrochen." Sie wird von keiner Zeitung übernommen.

Der Jänner und Februar bilden die Ouvertüre zur Pandemie, die ab März in Europa und später auch in Übersee zu Maßnahmen von nicht vorstellbarem Ausmaß führen sollten, zu hunderttausenden Toten, zu einem Zusammenbruch der Weltwirtschaft, wie es nicht einmal den Lehman Brothers gelang. Das ist nicht lange her, nur ein paar Monate. Und es ist ewig her, alles war anders, und die Nachricht von einigen Lungenerkrankten irgendwo in China war keine Meldung wert.

Europa hat es früh und heftig getroffen. Vielleicht genau deshalb, weil das damals niemanden interessierte. Es hieß sehr schnell, Europa sei überhaupt nicht vorbereitet gewesen auf diese Pandemie. Aber vielleicht war dieser Befund zu vorschnell, auch wenn die Corona-Krise, so wie alle Katastrophen, genauso ihre postapokalyptischen Reiter kennt, die es schon lange kommen sehen gewollt haben. Leider sagen sie aber nie dazu, wann das genau sein wird.

Dieser Text ist der Versuch einer Zeitreise mit wichtigen Protagonisten dieser Krise. Sie führt nur ein paar Wochen zurück, und doch zeigte die Recherche, wie schwierig es ist, einen von späteren Erfahrungen und Wissensgewinn unverstellten Blick auf die Vergangenheit zu werfen. Wann wusste man was? Welche Erkenntnisse haben die Einschätzung der Lage verändert? In den Erinnerungen der Gesprächspartner sind die Zeitabläufe oftmals verschoben. Eine Erinnerung vom Jänner trug sich tatsächlich erst im Februar zu. Und noch etwas wurde offensichtlich: Im Verlauf der ersten Wochen und nach den ersten wissenschaftlichen Arbeiten wurde der anfangs ratlose Blick der Ärzte, Forscherinnen und von Behörden zwar immer klarer, doch die Interpretationen der Studien ließen nicht immer nur einen Schluss zu. Das heißt aber auch: Es gab nicht nur eine Wahrheit.

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Auf dem Huanan- Fischmarkt in Wuhan wurden auch Wildtiere gehandelt. Der Markt wurde sofort geschlossen. - © apa/afp/Retamal
Auf dem Huanan- Fischmarkt in Wuhan wurden auch Wildtiere gehandelt. Der Markt wurde sofort geschlossen. - © apa/afp/Retamal

Die allerersten Berichte aus China lösen in Österreich keinen Alarm aus. Der mediale Ausschlag ist gleich null, auch in dieser Zeitung. In China, so ist zu lesen, sind 27 Patienten mit Lungenerkrankungen aufgetaucht. Das ist nichts in einem Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern. Es gab eine wichtige Information in der Meldung. Alle 27 hatten einen Bezug zum "Huanan-Fischmarkt". "Nach Sars hat es China zur Meldepflicht gemacht, wenn eine schwere atypische Form der Lungenentzündung im Zusammenhang mit einem Wildmarkt auftaucht", sagt Franz Allerberger von der Gesundheitsagentur Ages. Weil sie im Internet verbreiteten, dass es sich um einen Sars-Ausbruch handeln könnte, nahmen die chinesischen Behörden acht Personen wegen Verbreitung "falscher Informationen" fest.

Während die Öffentlichkeit nahezu keine Notiz nimmt, werden die ersten Meldungen aus China bei den Behörden sehr wohl registriert und auch die Wissenschaft und die Medizin nimmt sie wahr. Doch die Berichte sind nicht eindeutig. Die Zahl der Erkrankten wächst zwar, doch am 6. Jänner vermeldet das Gesundheitsamt in Wuhan, dass Tests auf Sars negativ gewesen seien. 2003 hat dieser Erreger zu einer Pandemie mit 774 Toten geführt, die Mortalität betrug mehr als zehn Prozent. Sars ist seither verschwunden.

In Salzburg liest auch der Mediziner Richard Greil der Uni-Klinik Salzburg die ersten Meldungen, er hat 2016 einen von zwei Mers-Patienten in Österreich behandelt, es handelt sich dabei ebenfalls um ein Coronavirus. "Die Meldungen haben mich nicht sehr beeindruckt. Die Erfahrung mit Mers und Sars war, dass es sehr lokalisierbare Erkrankungen waren. Meine Erwartung war, dass es eingrenzbar sein wird", erzählt er. Auch in Innsbruck, wo die Virologin Dorothee von Laer forscht, ist die Reaktion ähnlich: "In China treten häufig Erkrankungen auf, die von Tieren auf Menschen übertragen werden. Das kennen wir seit Jahrzehnten." An eine Pandemie dachte sie nicht: "Bisher war ja auch nie etwas", sagt sie.

Auf Behördenseite ist es business as usual, auch wenn die Erinnerung daran heute schon etwas verblasst ist. "Ich erinnere mich, dass wir in der Abteilung darüber gesprochen haben, weil wir solche Ereignisse immer auf dem Radar haben", sagt Reinhild Strauss, Epidemiologin im Gesundheitsministerium. Obwohl weltweit nur 8000 Menschen an Sars erkrankten, hat dieses Virus viel verändert. Es wurden Pandemiepläne erstellt, auch in Österreich. Die (zuvor geplante) europäische Seuchenagentur ECDC nahm 2004 ihre Arbeit auf, ein "Early Warning and Response System", das frühzeitig Auffälligkeiten anzeigen soll, wurde installiert. Wie essenziell der Zeitfaktor bei Seuchen ist, weiß heute jeder. Die ganze Welt hat nun diese Erfahrung gemacht. In China weiß man das seit Sars. Darum werden dort alle Patienten mit atypischen Lungenerkrankungen zu ihrer Verbindung zu Tiermärkten befragt. Bereits der 27. Patient löste die Warnung aus, der Markt wurde geschlossen.

Die erste Phase: Warten auf Erkenntnisse

Die ersten zwei Wochen sind in Österreich ein routiniertes Warten, es ist für die maßgeblich Beteiligten keine neuartige Situation. Noch weiß man sehr wenig, es gibt keine Falldefinition und keine Diagnostik. Doch schon am 12. Jänner übermittelt China die Sequenz des Genoms an die WHO. "Das ist für mich der Stichtag", sagt Franz Allerberger von der Ages. "Dann ging es Schlag auf Schlag."

Richard Greil ist Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin 3 in Salzburg.  - © APA/BARBARA GINDL
Richard Greil ist Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin 3 in Salzburg.  - © APA/BARBARA GINDL

In jenen Tagen wechseln einander gute und schlechte Nachrichten ab. "Es war nicht wirklich einzuschätzen", sagt Greil. Der erste Todesfall am 11. Jänner ist zweifellos eine schlechte, die Sequenz-Veröffentlichung des Erregers tags darauf aber eine wirklich gute Nachricht. Die Medien werden sukzessive aufmerksam auf das, was in den Agenturmeldungen nach wie vor als "mysteriöse Lungenkrankheit" bezeichnet wird. Am 14. Jänner ist klar: Es ist ein neuer Sars-Erreger. In der "Wiener Zeitung" vom 15. Jänner, die als eine der Ersten in Österreich groß über das Virus berichtet, präzisiert ein deutscher Forscher: "Es ist dieselbe Virusart wie Sars, nur in einer anderen Variante." Es handelt sich um den auf Coronaviren spezialisierten Virologen Christian Drosten. Zwei weitere Tage später, am 16. Jänner, vermeldet seine Universität, die Charité Berlin, dass bereits ein Test zum Nachweis entwickelt wurde. Drosten stellt das Protokoll ins Internet.

Franz Allerberger ist völlig fasziniert von dieser Geschwindigkeit. "Bei Aids hat das noch Jahre gedauert." Zuerst war nur eine spezifische Lungenentzündung der sichere Nachweis für Aids, doch da war es schon viel zu spät "Einen Labortest hat es sehr lange nicht gegeben."

Franz Allerberger, ist Leiter der Abteilung Public Health der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages). - © APA/HANS KLAUS TECHT
Franz Allerberger, ist Leiter der Abteilung Public Health der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages). - © APA/HANS KLAUS TECHT

Virusträger muss man aber früh erkennen, um eine Ausbreitung wirksam verhindern zu können. Dafür ist der Test der Schlüssel. Bei Sars-1 ist das nicht passiert, es hat in Österreich keinen Test dafür gegeben. Nur zwei Wochen nach der ersten Meldung ist nun der Nachweis für das neuartige Coronavirus über ein PCR-Verfahren im Labor möglich. "Das war für mich erstaunlich. Früher hat man für die Etablierung eines solchen Tests einen Professorentitel bekommen", sagt Allerberger.

Österreich hat zwei Lehrstühle für Virologie, einen in Wien und einen in Innsbruck. An beiden Universitäten wird sofort mit Hochdruck daran gearbeitet, diesen Test auch in Österreich zu etablieren. Das ist nicht ganz simpel und dauert einige Tage. "Es gab einen engen Austausch mit der Charité", sagt Virologin von Laer. Die Virologie in Berlin entwickelt sich zusehends zur weltweiten Drehscheibe für den Test, die internationale Zusammenarbeit funktioniert gut. Auch das US-Seuchenzentrum CDC stellt ein Testprotokoll für alle verfügbar ins Internet.

Dorothee von Laer ist Professorin am Lehrstuhl für Virologie der Medizinischen Universität Innsbruck. - © privat
Dorothee von Laer ist Professorin am Lehrstuhl für Virologie der Medizinischen Universität Innsbruck. - © privat

Die zweite Phase: Das Virus wandert

Ab dem 13. Jänner tauchen fast täglich Erkrankungsfälle außerhalb Chinas auf, erst in Thailand, dann in Japan und Südkorea. Das Virus verteilt sich in andere Länder, das ist eine besorgniserregende, aber nicht unerwartete Nachricht. Eine gewisse Eile in der Etablierung der Tests und im Aufbau von Kapazitäten ist geboten. Es sind aber nur Einzelfälle außerhalb der Volksrepublik. Sie sind auch weit von Europa entfernt. Am 19. Jänner meldet China 62 Erkrankte, der Ausbruch sei "beherrschbar", heißt es. Das Imperial College London warnt, dass eine Übertragung von Mensch zu Mensch "nicht ausgeschlossen werden sollte". In vielen Meldungen und Einschätzungen wird der Konjunktiv bemüht. Es gibt sehr wenig Wissen, die Skepsis gegenüber China ist groß. Einen Tag später bestätigen chinesische Forscher, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragbar ist.

Ab diesem Tag, ab dem 20. Jänner, verdichten sich die Ereignisse und Meldungen. Noch ehe die Infektionszahlen in China explodieren, verzeichnen die Nachrichtenagenturen ein geradezu exponentielles Wachstum ihrer Berichte. Der mediale Fokus verschiebt sich auf das Thema Coronavirus, die Börsen reagieren, der Ölpreis sinkt, auf den Flughäfen werden erste Kontrollen eingeführt, und die WHO beruft am 20. Jänner den Notfallausschuss ein.

Im Gesundheitsministerium werden die Berichte im Frühwarnsystem der EU genau verfolgt, auch die WHO verfügt seit einigen Jahren über ein derartiges Meldesystem. Es läuft professionell nach dem Pandemieplan ab. Ab Mitte Jänner wird ein abteilungsübergreifender Jour fixe zu Corona installiert. Man bereitet sich vor. Man weiß allerdings noch nicht worauf. "Wir haben Isolationsrichtlinien erarbeitet, sowohl für Heimquarantäne als auch für Spitäler, und wir haben einen ersten Kapazitätscheck für die Krankenhäuser vorgenommen", erzählt Reinhild Strauss. Das Virus ist noch sehr weit weg, jedoch nur räumlich. Die Zahl der bestätigten Fälle in China überschreitet am 23. Jänner gerade einmal die 500er-Marke. Die WHO entscheidet, keine Notlage auszurufen.

Reinhild Strauss ist Epidemiolgin. Im Gesundheitsministerium leitet sie die Abteilung IX/A/5 für den Öffentlichen Gesundheitsdienst. - © Kurier/ Jürg Christandl
Reinhild Strauss ist Epidemiolgin. Im Gesundheitsministerium leitet sie die Abteilung IX/A/5 für den Öffentlichen Gesundheitsdienst. - © Kurier/ Jürg Christandl

Am 24. Jänner ist das Virus erstmals Blattaufmacher der "Wiener Zeitung". China hat plötzlich Wuhan abgeriegelt. Alle Verbindungen wurden gekappt, Veranstaltungen abgesagt. "Diese drakonische Reaktion hat mich erstaunt und alarmiert", sagt Greil. "Eine derartige Reaktion hat es in meiner Lebenszeit noch nie gegeben." Was geht da vor sich? Nur wenige Tage davor erklärten die Behörden noch, alles sei beherrschbar. "Es war ganz erstaunlich, wie die chinesische Führung auf einmal verschwunden ist. Das hat zu Irritationen geführt", sagt Mediziner Greil.