Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) kann sich aufgrund der unterschiedlichen Corona-Entwicklungen in einzelnen österreichischen Gebieten regionale Lockerungen von Corona-Maßnahmen vorstellen. Das sagte er am Freitagabend in einem Interview auf oe24.tv. Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ), in dessen Bundesland sich aktuell nur noch drei aktuell infizierte Personen und 395 Genesene (und kein Corona-Patient im Spital) befinden, hatte sich zuletzt wiederholt für differenzierte Maßnahmen ausgesprochen.

Am Samstag erneuerte er seine Forderung in einer Aussendung. "Ich habe bereits Anfang April vorgeschlagen, dass in Bundesländern wie zum Beispiel Kärnten oder auch einzelnen Regionen, in denen es nur sehr wenige mit Corona infizierte Personen gibt, einige der sehr strengen Maßnahmen früher als in anderen Bundesländern gelockert werden sollten", erinnerte Kaiser. Dass Kanzler Kurz nun einlenke und sich ebenfalls für regionale Lockerungen ausspreche, sei für ihn "erfreulich". Die Kärntner Gesundheitsreferentin Beate Prettner (SPÖ) betonte freilich: "Ganz wichtig ist es, trotz der erfreulichen Zahlen weiterhin vorsichtig und verantwortungsvoll zu bleiben."

Kanzler Kurz sagte am Freitag im Interview, je unterschiedlicher die Entwicklung sei, desto mehr verlange sie danach, sich regional darauf einzustellen. "Wir haben das auch immer wieder mit den Landeshauptleuten besprochen. Es ist mittlerweile eine Realität, dass die Entwicklungen unterschiedlich sind", sagte Kurz und betonte: "Ich bin da in einem guten Gespräch mit Landeshauptmann Kaiser und wir werden das mit den anderen Landeshauptleuten besprechen."

FPÖ-Wähler mehrheitlich gegen Impfpflicht

Unterdessen hat das Nachrichtenmagazins "profil" eine von Unique research für das Medium durchgeführte Umfrage veröffentlicht, laut der eine Mehrheit der Österreicher für eine verpflichtende Impfung gegen Covid-19 ist - sobald es einen entsprechenden Impfstoff gibt. Bei einer Schwankungsbreite von plus/minus 4 Prozent sind 30 Prozent der 500 Befragten "sehr" und 25 Prozent "eher" dafür. 28 Prozent lehnen eine Impfpflicht klar ab. Wähler der beiden Regierungsparteien ÖVP und Grünen sprechen sich zu je zwei Dritteln "eher" oder "sehr" für eine Impfpflicht aus. Bei den SPÖ-Anhängern beträgt die Zustimmung 61 Prozent, bei Neos-Wählern sogar 72 Prozent. FPÖ-Wähler scheren deutlich aus dem Meinungsspektrum aus, 62 Prozent dieser Gruppe sind demnach "sehr" gegen eine Impfpflicht.

Auch Christine Druml, Leiterin des Unesco-Lehrstuhls für Bioethik und Vorsitzende der Bioethik-Kommission im Kanzleramt, spricht sich laut "profil" bei Vorhandensein eines gut verträglichen und wirksamen Impfstoffes im Zweifel für eine Impfpflicht gegen Covid-19 aus. "Sollten die Menschen nicht freiwillig die Ordination stürmen, dann muss man überlegen, wie man eine Impfung verpflichtend machen kann." Covid-19 sei kein Schnupfen, sondern eine Erkrankung mit potenziell schweren Verläufen auch für Junge und Gesunde, so Druml: "Die Autonomie des Einzelnen endet dort, wo ich anderen schade." Bei der Abwägung einer Impfpflicht müsse im Fall von Corona auch der wirtschaftliche Schaden der Pandemie miteinfließen.

Auch Grippe-Impfpflicht breit diskutieren

Auch eine Grippe-Impfpflicht sollte breit diskutiert werden, um besser auf weitere Corona-Wellen vorbereitet zu sein, regt Druml an. In der "profil"-Umfrage fand der Gedanke an eine Grippe-Impfpflicht, um für eine zweite Corona-Welle gewappnet zu sein, weniger Zustimmung als jener Corona betreffend. Nur 44 Prozent der Befragten sind dafür.

Die Bioethik-Kommission trat 2019 für eine Masern-Impfpflicht ein. Die Argumente von damals könnten laut Druml auch für Corona gelten. Zur Politik, die Impfpflichten gegen Masern und Covid-19 mehrheitlich ablehnt, meint Druml: "Das Herumlavieren der Politik ist ein Problem. Das Signal: 'Wir zwingen niemanden, entscheidet selbst', ist falsch verstandene Liberalität. Denn so entsteht der Eindruck, an den Argumenten der Impfgegner könnte etwas dran sein". Sinngemäß sei über die Sinnhaftigkeit des Impfens nicht zu diskutieren. (apa)