Die Pläne der türkis-grünen Bundesregierung zur Einführung einer Pflegelehre sind konkreter als bisher öffentlich bekannt. Die Vorgabe von Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) und Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) lautet, dass die Umsetzung ab dem Schuljahr 2021/22 erfolgt. Das geht aus Unterlagen eines Auftakttreffens von Experten aus den Ministerien und der Sozialpartner hervor, die der "Wiener Zeitung" vorliegen. In Diskussion sind als Alternativen eine 3- und 4-jährige Pflegelehre, wobei aber von Seiten von Schramböck und Anschober eine dreijährige Pflegelehre bevorzugt wird.

Manche Bundesländer wie Salzburg gehen allerdings bereits eigene Ausbildungswege. Pflegedirektor Karl Schwaiger, zugleich Berater in Pflegefragen in Salzburg, lehnt die neue Pflegelehre vehement ab, weil damit keine neue Zielgruppe angesprochen werde.

Treibende Kraft hinter der Pflegelehre, die auch im türkis-grünen Koalitionsabkommen verankert ist, sind Wirtschaftsministerin Schramböck und die Wirtschaftskammer. Teilnehmer der Auftaktveranstaltung am Mittwoch waren freilich teils überrascht, wie weit es bereits Einigkeit mit dem grundsätzlich für die Pflege zuständigen Gesundheitsministerium gibt. Der Lehrberuf soll demnach der bestehenden Pflegeassistenz gleichgestellt werden. Es müsse auch die Möglichkeit geschaffen werden, interimsmäßig die Prüfung für die Pflegeassistenz abzulegen, lautet gemäß den Unterlagen eine weitere Vorgabe von Schramböck und Anschober. Neben der Etablierung der Pflegelehre ab dem Schuljahr 2021/22 ist ein weiterer Fixpunkt, dass die bestehenden Gesundheits- und Krankenpflegeschulen die Aufgaben der Berufsschulen übernehmen.

Widerstand gegen Pflegeeinsatz ab 15

Voraussetzung für den Antritt der Pflegelehre ist die Absolvierung der neunjährigen Schulpflicht. Die Dauer der schulischen Ausbildung soll im Regelfall 10 Wochen pro Lehrjahr betragen. Nach Informationen der "Wiener Zeitung" wurde im Zuge der Auftaktveranstaltung deutlich gemacht, dass die praktische Ausbildung bei Pflegebedürftigen erst ab 17 Jahren beginnen soll, zuvor soll es ab 15 eine theoretische Ausbildung in Form von Modulen geben. Damit würde der Hauptwiderstand gegen eine Pflegelehre überwunden, dass nämlich Lehrlinge bereits ab 15 direkt mit pflegebedürftigen Menschen zu tun haben.

Pflegedirektor Schwaiger, der auch Vizepräsident des österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands ist, bleibt weiter skeptisch. Es sei eine "Katastrophe", bereits 15-Jährige als Pflegelehrlinge mit Pflegebedürftigen arbeiten zu lassen. Der Praktiker stellt auch den Sinn einer derartigen neuen Ausbildungsschiene massiv in Zweifel: "Mit diesem Konzept kriegt man keinen einzigen Jungen in den Pflegeberuf hinein." Damit werde keine neue Zielgruppe angesprochen, prophezeit Schwaiger.

Salzburg geht schon eigene Wege

In Salzburg sei bereits ein eigener Weg beschritten worden, wie man zusätzlich Jugendliche in dieser Zielgruppe anspreche. Dort steht ab dem heurigen Herbst die Möglichkeit einer Kombination einer landwirtschaftlichen Fachschule mit einer Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung zur Verfügung. Eine zweite Möglichkeit soll durch die Zusammenarbeit mit einer Höheren Bundesanstalt für Wirtschaftliche Berufe geschaffen werden.

Der Pflegedirektor ist vor allem verärgert, weil nach dem vielen Lob während der Corona-Krise für Pflegekräfte diese bei der Weiterentwicklung des Systems nicht gehört werden. "Wo bleiben die Helden von gestern? Die werden nicht beachtet", wettert Schwaiger im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Er halte das für eine "Sauerei".

Neos gegen "Ausbeutung junger Menschen"

Scharfe Kritik kommt auch von den Neos. Deren Gesundheitssprecher Gerald Loacker warnt ebenfalls eindringlich davor, die Pflegelehre schon für 15-Jährige zu öffnen: "Hier soll eine systematische Ausbeutung junger Menschen vonstattengehen. Seit Monaten warnen alle Expertinnen und Experten davor und trotzdem weicht die ÖVP keinen Millimeter von ihrem Vorhaben ab." 15-Jährige seien zu jung für einen Beruf im Pflegesektor. Die ÖVP müsse endlich, so Loacker, eine große Pflegestrukturreform angehen, anstatt mit Stückwerk zu flicken.

Die von der türkis-grünen Bundesregierung bereits beim Amtsantritt heuer im Jänner angekündigte umfassende Pflegereform als Arbeitsschwerpunkt ist wegen der Corona-Krise seit März ins Stocken geraten. Nun sind ÖVP und Grüne bemüht, die Debatte und die Arbeiten daran wieder in Schwung zu bringen. Vorrangig ist dabei neben einer Lösung für eine längerfristige Finanzierung die Bewältigung des akuten Personalmangels. Bis 2030 werden laut einer Studie rund 75.000 Pflegekräfte zusätzlich benötigt.