Am 16. März ist Österreich in den Lockdown zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie gegangen. Eine Modellierung des Simulationsexperten Niki Popper von der Technischen Universität (TU) Wien ergibt, dass es mit einer Woche Verzögerung zu einer Vervierfachung der positiv getesteten Fälle gekommen wäre. Zudem wäre man an die Grenze der Kapazität bei den Intensivbetten mit knapp 1000 belegten Betten gekommen.

"Wir haben keine Aussage getroffen zum Ausmaß und der Art der Maßnahmen", sagt Popper. Welche Maßnahme, von Schulschließungen bis Ausgangsbeschränkungen, wie viel gebracht hat, darüber gibt die Berechnung keine Auskunft. Auch aus anderen Ländern gibt es zur epidemiologischen Bedeutung einzelner Einschränkungen maximal Vermutungen, gerade die Relevanz der Schulschließungen ist heftig umstritten.

Klar ist, dass der Zeitfaktor bei der Eindämmung der Epidemie eine große Rolle spielte, da sich die Zahl der Infizierten exponentiell entwickelte. Die Regierung hat deshalb rasch zur schärfsten Maßnahme, nämlich dem kompletten Lockdown, gegriffen, dafür aber entschieden, die Lockerungen ab April schrittweise im Zwei-Wochen-Rhythmus vorzunehmen. Auch damit hat sich die Modellierung der TU beschäftigt. Demnach wäre es zu einem deutlich höheren Anstieg der Fallzahlen gekommen, hätte man den Schulbetrieb und die Geschäfte gleichzeitig wieder hochgefahren.

Wie allen Modellen liegen auch diesem der TU Wien bestimmte Annahmen zugrunde, die sich in der Realität nicht unbedingt bestätigen müssen. So wurde etwa der Anteil asymptomatischer Virusträger mit 50 Prozent bewertet, also relativ hoch. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es dazu sehr unterschiedliche Angaben. Dazu kommt, dass die Verbreitung des Sars-CoV-2-Erregers mehreren Faktoren unterliegt, von denen etliche noch nicht hinreichend untersucht wurden.

Einer dieser Faktoren ist die Bedeutung von sogenannten Superspreadern und Superspeading-Events. Es gibt erste wissenschaftliche Arbeiten, die darauf hindeuten, dass sie tatsächlich von sehr großer Relevanz sind. So kommt eine Studie der London School für Hygiene und Tropenmedizin zum Schluss, dass 80 Prozent der Infektionen auf nur 10 Prozent von Infizierten zurückgehen könnten. Sollten sich derlei Erkenntnisse bestätigen, würde das seriöse Modellierungen sehr schwierig machen, zumindest bei einem so niedrigen Infektionsgeschehen wie derzeit.

Zeitfaktor bei Containment zentral

Auch das Beispiel Belgien offenbart, dass Lockdowns nicht immer zum gleichen Ergebnis führen. Das dicht besiedelte Belgien hat sogar kurz vor Österreich das öffentliche Leben dicht gemacht, die Zahl der gemeldeten Infizierten war etwas niedriger. Dennoch hat es länger gedauert, bis die Kurve angeflacht werden konnte. Erst Ende April sind die täglichen Wachstumsraten in Bereichen gewesen, die Österreich am Anfang des Monats hatte. Die Folge: Belgien hält insgesamt bei fast 58.000 Infizierten und rund 9400 Toten. Nicht im Modell Poppers enthalten sind Annahmen zur Dunkelziffer, diese könnte in Belgien deutlich höher gewesen sein. Doch auch das ist nur eine Vermutung.

Nach wie vor bedeutsam bleibt der Zeitfaktor, um die Kontrolle über die Epidemie zu behalten. Auch dies simulierte Popper mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Hier geht es um das Containment und Tracing, wenn Fälle bekannt werden. Je schneller die Reaktionszeit, desto besser. Das ist die Kernaussage. "Wenn wir länger brauchen, um Menschen rauszunehmen, bei 5,7 Tagen etwa, geht die Kurve sehr schnell wieder nach oben", sagt Popper. Derzeit beträgt die Reaktion 3,8 Tage. "Wir drängen alle immer, dass es kürzer wird", sagt Popper. (sir)