Nach rund zehn Wochen scheint die Corona-Krise vorbei zu sein. Es gibt immer mehr Lockerungen, die Einschränkungen werden weniger, fast könnte man meinen, das Coronavirus ist besiegt. Die Angst vor Tausenden Toten, Ausgehverbote, geschlossene Schulen und Geschäfte - vergessen, wie ein schlechter Traum. Vorbei auch der Beifall für systemrelevante Berufe, die das Land in dieser Zeit am Laufen hielten. Dass Klatschen und Denkmäler nicht reichen, darauf wies AK-Präsidentin Renate Anderl am Freitag erneut hin. Denn gerade die Krise habe gezeigt, dass in vielen systemerhaltenden Berufen die Arbeitsbedingungen schlecht und das Lohnniveau niedrig sind. Und: Viele der beklatschten Heldinnen sind Frauen und Migrantinnen.

Die Sonderauswertung des Arbeitsklimaindex durch Sora zeigt, dass in Summe rund eine Million Beschäftigte in den sogenannten "systemrelevanten" Berufen arbeiten. Alleine die drei Bereiche Einzelhandel, Reinigung und Lehrerin/Lehrer umfassen mehr als die Hälfte dieser Beschäftigten.

Die systemrelevanten Berufe haben gemeinsam, dass sie nicht im Homeoffice ausgeübt werden können, einen ständigen Kontakt mit Menschen und damit ein höheres Ansteckungsrisiko haben und zum überwiegenden Teil von Frauen ausgeübt werden, wie Daniel Schönherr von Sora darlegte.

In acht von elf ausgewählten systemrelevanten Berufen arbeiten überwiegend Frauen. Oftmals haben die Beschäftigen Migrationshintergrund: 56 Prozent aller Reinigungskräfte und 22 Prozent aller Kassakräfte und RegalbetreuerInnen haben laut Statistik Austria (2018) Migrationshintergrund, sie stammen meist aus der Türkei oder den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien, zunehmend auch aus Osteuropa.

Reinigung und Altenpflege häufig atypisch beschäftigt

Beschäftigte in der Reinigungsbranche sind am stärksten von potenziell prekären Arbeitsverträgen betroffen, nämlich geringfügiger Beschäftigung (14 Prozent) oder Leiharbeit (8 Prozent). Auch Beschäftigte in der Altenpflege und Behindertenbetreuung sowie im Einzelhandel sind häufiger geringfügig, befristet oder als LeiharbeiterIn beschäftigt.

Zudem haben von elf als "systemrelevant" eingestuften Berufsgruppen ausgerechnet jene fünf Gruppen, in denen der Frauenanteil am höchsten ist, Einkommen unter dem österreichischen Durchschnitt. Am unteren Ende befinden sich Reinigungskräfte und Einzelhandelsangestellte, sie verdienen im Schnitt weniger als 1300 Euro netto/Monat. Vor allem Reinigungskräfte (76 Prozent) und Kassakräfte/RegalbetreuerInnen (70 Prozent) kommen mit ihren Einkommen nur knapp oder nicht aus. In diesen Berufen ist der Frauen- und MigrantInnen-Anteil besonders hoch. Die geringeren Arbeitsstunden erklären die geringeren Einkommen nur zum Teil.

Außerdem kämpfen viele Menschen in diesen Berufen mit schwierigen Arbeitszeiten und vielen Überstunden, was vor allem für jene Beschäftigten mit Kindern eine große Herausforderung darstellt. 39 Prozent aller berufstätigen Eltern in der Altenpflege und Behindertenbetreuung und rund ein Drittel der BerufsfahrerInnen sowie Handelsbeschäftigten sagen, dass sich ihr Beruf mit der Kinderbetreuung nur mittel bis schlecht vereinbaren lässt.

Drehen an mehreren Rädern notwendig

Viele Beschäftigte in systemrelevanten Berufen - vor allem Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte - glauben auf Grund von hohem Zeitdruck und starker psychischer Belastung nicht, ihre Berufe

bis zur Pension ausüben zu können. Mehr als 6 von 10 der über 45-jährigen Beschäftigten in der Pflege, der medizinischen Betreuung und der Reinigung und sogar 7 von 10 in der Altenpflege und Behindertenbetreuung halten es für unwahrscheinlich, bis zum Pensionsantrittsalter durcharbeiten zu können.

Für Anderl ist klar, dass an "mehreren Rädern gedreht werden" muss, und es nicht reicht, "Heldendenkmäler zu bauen". Menschen in systemrelevanten Berufen bräuchten vielmehr "gute Arbeitsbedingungen, faire Einkommen und Zugang zu sozialstaatlichen Leistungen". Daher bekräftigte Anderl die Forderungen der Arbeiterkammer nach einem gerechten Beitrag von großen Vermögen und Konzernen und die Umsetzung von 1700 Euro Mindestlohn in den Kollektivverträgen. Außerdem solle der Mehrarbeitszuschlag ab der ersten Stunde auf 50 Prozent angehoben werden. Um die Belastungen zu reduzieren, fordert die Arbeiterkammer kürzere und planbare Arbeitszeiten. Ziel sei eine 35-Stunden-Woche sowie die leichtere Erreichbarkeit der sechsten Urlaubswoche.

Anderl fordert erneut die Rücknahme der Indexierung der Familienbeihilfe.

Durch diese Maßnahme wurde zum Beispiel die Familienbeihilfe für 24-Stunden-Betreuerinnen, deren Kinder im osteuropäischen Ausland leben, an das dortige Lebenshaltungskostenniveau angepasst und damit gekürzt. (red)